100 Jahre : Die Henne im Jahr des Mauerfalljubiläums

Die Kreuzberger "Henne" ist alles: Kultkneipe, Hähnchenbraterei, Nachbarschaftstreff, Szenelokal und 100 Jahre Stadtgeschichte.

Lothar Heinke
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Genau das in hundert Jahren angehäufte Durcheinander macht die Kneipe so heimelig, interessant und rar: riesige Siphons, Gläser und Flaschen in den Regalen der uralten Schankschrankwand, diesem gewaltigen Rückbuffett hinter dem grün gekachelten Tresen mit der glänzenden Registrierkasse und einer „Schnapsorgel“. Dazu große Tische, hier und da ein Geweih, Kachelöfen, diverse bunte Lampen, Treppen hinauf ins Hinterzimmer und hinab zur Küche, wo die Geheimnisse der „Henne“ nicht verraten, wohl aber verbraten werden: außen knackig-krosse und innen saftige Milchmasthähnchen, die auch beim strengsten Restaurantkritiker für ein paar Sternchen gut wären. Aber verirren sich die kulinarischen Scharfrichter überhaupt in eine Ur-Berliner Eckkneipe, wo sich die Gäste zur Begrüßung familiär auf die Schulter hauen? Zum Jubiläum wird heute in der Wirtschaft am Leuschnerdamm/Ecke Waldemarstraße ein von Klaus Sommerfeld geschriebenes und von Wolfgang Chodan fotografiertes Buch zur Kneipe vorgestellt: mit vielen Episoden zur Historie der „Henne“, in deren Kulisse Filme wie „Berlin - Alexanderplatz“, „Der Hauptmann von Köpenick“ oder ein Streifen über die Gebrüder Sass entstanden und wo auch sonst Stars gern ihre Mollen zischten.

Einige Fotos erzählen, jetzt im Jubiläumsjahr des Mauerfalls, die unverwechselbare Geschichte der Kultkneipe. Da bedient der frühere Wirt Konrad Litfin über den Vorgartenzaun zwei Gäste (Foto r. o.). Die stehen im sowjetischen Sektor, er im amerikanischen. Das war im Jahr 1956. Am 13. August 1961 kamen Walter Ulbrichts Werktätige, die angeblich niemals die Absicht hatten, eine Mauer zu errichten, und setzten einen Großblockstein auf den anderen: Fünf Meter vorm Eingang in die alte Arbeiterkneipe zogen sie den „antifaschistischen Schutzwall“ hoch, Konni Litfins Alt-Berliner Wirtshaus war plötzlich zu-, aber nicht kaltgestellt. Die Ost-Berliner blieben gezwungenermaßen weg, dafür kamen Reisegruppen zu diesem Vorposten der westlichen Welt – dem „einzigen Lokal im Westen, wo im Osten die Sonne unterging“, wie der Gastwirt immer sagte. Als er 1963 erfuhr, dass der amerikanische Präsident nach Berlin kommt, schrieb er an J. F. Kennedy, dass er doch bitte in seinen „Old Berlin Pub directly at the wall“ kommen und eine Weiße trinken möge. Das hat JFK zwar nicht getan, aber einen Brief geschickt und sein Foto, beides hängt seither über dem Tresen, und nachdem die Mauer abgeräumt wurde, gackert die „Henne“ wieder, vom Betongürtel befreit, für ganz Berlin. Nur noch mit viel Fantasie sind die Spuren von einst erkennbar. Hatte nicht der Senat geplant, den kompletten Mauerverlauf mit in den Boden eingelassenen Steinen zu markieren? Hier nehmen die „Henne“-Leute den Fall im Jubiläumsmonat des Mauerfalls wohl selbst in die Hand, schon, weil Bezirksbürgermeister Franz Schulz die „Henne“ ein Stück Stadtgeschichte nennt: „Ein original gebliebener Kommunikationsort für unterschiedliche soziale und kulturelle Milieus.“ Das könnte auch für die „Kleine Markthalle“ gegenüber am Legiendamm gelten, die sogar älter als die „Henne“ ist, gleichfalls leckere Hähnchen brät, aber weniger Legende schrieb als die Kreuzberger Institution „Henne“.

1908 hatte Paul Litfin das „Wirtshaus zur Hirschecke“ eröffnet. Sohn Konrad gibt der Kneipe 1926 den neuen Namen „Alt-Berliner Wirtshaus“. 72 Jahre lang ist das Lokal im Familienbesitz, dann kommen 1980 Bernd und Petra Henne. Der Nachname passt aufs Firmenschild, denn schon Rosel Litfin hatte seit Ende der fünfziger Jahre speziell zubereitete Milchmasthähnchen auf der Speisekarte. Die heutige Inhaberin Angela Leistner kam 1986 als gelernte Fotografin aus Oberfranken nach Berlin, um ihre Meisterprüfung zu machen. Nebenbei kellnerte sie und verknallte sich derart ins krosse Geflügel und in das „Gesamtkunstwerk“, wie sie die Kneipe und ihre Gäste nennt, dass sie das Restaurant vom Ehepaar Henne übernahm und mit einer fünfköpfigen Besatzung täglich, außer montags, ab 18 Uhr betreibt. Das Geheimnis der Milchmasthähnchen verrät sie nicht: Selber kommen, knabbern und genießen.

Das Buch zur „Henne“ gibt es für 12,90 Euro im Lokal und bei Berlin-Story Unter den Linden/Ecke Friedrichstraße.

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