Auftritt der Woche : Die Carlisle: Exzessive Lady

Schluss mit den Drogen: In den Neunzigern schlug Belinda Carlisle immer wieder über die Stränge, bald fiel sie nur noch durch Skandale auf. Seit fünf Jahren ist die heute 52-Jährige clean - und steht am Sonntag im Postbahnhof auf der Bühne.

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Belinda Carlisle
Belinda CarlisleFoto: picture-alliance/ dpa

Den Hüftschwung beherrscht Belinda Carlisle immer noch perfekt, wie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Elegant wiegt sie sich hin und her, und manchmal dreht sie sich weltvergessen um die eigene Achse, hebt die Arme in die Luft. Wenn man sich auf Youtube ihre jüngsten Auftritte anschaut und sie ihre größten Hits singen sieht, will man gar nicht glauben, dass Carlisles große Zeit über 20 Jahre her ist.

„Heaven is a place on earth“, „Circle in the sand“ und „I get weak“ – mit diesen Stücken eroberte Belinda Carlisle Ende der Achtiger die internationalen Charts, und wenn sie am Sonntag im Postbahnhof spielt, werden diese Lieder nicht fehlen. Carlisle weiß, was sie dem Publikum schuldig ist. Der Großteil war schon da, als sie als Frontfrau der Go-Gos ihre ersten musikalischen Schritte wagte und später Popgeschichte schrieb: Die Go-Gos waren die erste Mädchenband an der Spitze der amerikanischen Billboardcharts, die ihre Texte selbst schrieb und alle Instrumente selbst spielte. Das war damals eine Sensation.

Über ihre Anfangszeit im Musikgeschäft, die Erfolge mit den Go-Gos und ihre spätere Solokarriere hat Belinda Carlisle vor kurzem ein Buch geschrieben. „Lips unsealed“ heißt die bisher nur auf Englisch erschienene Autobiografie, der Titel ist eine Anspielung auf „Our lips are sealed“, einen der größten Hits der Go-Gos. Ihre Geschichte beginnt in der kalifornischen Provinz, als ältestes von sieben Kindern wächst Carlisle in ärmlichen Verhältnissen auf. Ende der Siebziger zieht sie mit einer Freundin nach Los Angeles, wo sie schnell Anschluss an die Punkszene findet. Da lernt sie ihre späteren Bandkollegen kennen. 1981 erscheint das Debüt der Go-Gos „Beauty and the Beat“, der Grundstein ihres Erfolgs.

Die Geschichte wäre jedoch ein bisschen langweilig, gäbe es da nicht noch eine andere, eine dunkle Seite. Carlisles Aufstieg zum umjubelten Popstar geht einher mit Alkoholproblemen und Drogenexzessen. Als Solokünstlerin gibt sie noch in den Neunzigern die glamouröse Rocklady, doch sobald das Scheinwerferlicht erlischt, ist sie ein drogenfressendes Wrack. In ihrem Buch erzählt Carlisle, wie Rod Stewart ihr deswegen eine Standpauke gehalten hat, wie Maurice Gibb von den Bee Gees sie während einer Grammy-Verleihung zur Seite genommen und aufgefordert hat, sich das Kokain von der Nase zu wischen. Der Tiefpunkt ist Jahre später erreicht, als sie vor ihrem Sohn die Fassung verliert und hysterisch mit Eiern um sich schmeißt. Für ihre Musik interessiert sich zu diesem Zeitpunkt längst niemand mehr.

Mittlerweile lebt die 52-Jährige samt Familie in Frankreich, seit fünf Jahren ist sie von Alkohol und Drogen weg. Das verdankt sie dem Buddhismus. Ihre neue Heimat hat Carlisle auch musikalisch geprägt: 2007 veröffentlicht sie „Voila“, auf dem Album covert sie Chansons von Edith Piaf und Jacques Brel. Dass sie heute wieder auf der Bühne steht, stärker als je zuvor, grenzt nach all dem, was sie erlebt hat, fast an ein Wunder.

Postbahnhof, Sonntag, 20 Uhr, 42 Euro

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