Stadtleben : Aus dem Tacheles nach Mailand

Früher war Tim Roeloffs, 42, Tennislehrer in Rudow – heute entwirft er Collagen für Versace

Die vielleicht langweiligste Straße Berlins hatte neulich in Mailand ihren großen Auftritt. Die Gleimstraße in Prenzlauer Berg tauchte als Druck auf vier Kleidern bei der Schau des italienischen Luxusmodehauses Versace auf: Stark verfremdet, als Collage, bestickt und mit Perlen besetzt. Daneben prangten auf dem Seidenstoff alle Wahrzeichen, die Berlin so zu bieten hat: Siegessäule, Brandenburger Tor, Fernsehturm und Gedächtniskirche. Dazu der Spruch: „Berlin has it all.“

Das Motiv kann man als Postkarte im Tacheles kaufen – dort stellt der niederländische Künstler Tim Roeloffs seine Collagen aus. Und dorthin kam vor zwei Jahren auch Donatella Versace, die platinblonde Schwester des 1997 ermordeten Modedesigners Gianni Versace, auf der Suche nach dem unperfekten, punkigen Berlin.

„Wahrscheinlich hat sie der Gegensatz angezogen“, sagt Roeloffs, der im vergangenen Oktober einen überraschenden Anruf aus Mailand bekam. Ob er denn Lust habe, etwas für Versace zu machen? Etwas, was den Luxus des Modehauses mit seinen anarchischen Bildern in Einklang bringe? Ja, er hatte Lust, aber keinen Schimmer, was ihn erwartete. Kunst von der Straße, das kennt Roeloffs, aber Mode ist nicht seine Welt. Also schickten sie aus Mailand stapelweise Archivmaterial aus der 30-jährigen Labelgeschichte. Er begriff schnell, was er über Versace wissen muss: „Die stehen für Glamour und Sex und ich bin der Kontrast.“

Deshalb hat Tim Roeloffs seine Gleimstraße, in der sein Atelier liegt und die er für völlig uninteressant hält, etwas aufgehübscht. Auf seinen Collagen fährt dort eine Straßenbahn, an der Haltestelle warten Supermodels und immer wieder er. „Ich sehe ja immer gleich aus.“ Seit 20 Jahren trägt er Armeehosen, derbe Stiefel und ausgewaschene Kapuzensweatshirts mit Farbspritzern. Und heute dazu eine Wollmütze mit Berlin-Schriftzug, denn der Holländer liebt die Stadt, in der er ganz zufällig zum Künstler wurde, über alles.

Der 42-Jährige kam 1992 als Tennislehrer an die Spree. Jeden Morgen fuhr er widerwillig mit seinem Klapprad nach Rudow, um für 80 Euro die Stunde reichen Leuten eine saubere Vorhand beizubringen. Nachmittags saß er dann in der Oranienburger Straße im Café „Obst & Gemüse“ gegenüber vom besetzten Tacheles und schaute zu, irgendwann verkaufte er dort selbst seine Collagen.

Natürlich war er in Mailand dabei, als seine Collagen über den Laufsteg gingen. Obwohl die Kitaleiterin ganz schön geschimpft hat – seine drei Kinder und seine japanische Frau Yoko mussten mit. Nur seine beiden Hunde haben es nicht in die erste Reihe geschafft. Sie mussten in einer Limousine auf ihr plötzlich berühmt gewordenes Herrchen warten. Die Schau war ein großer Erfolg, die Kollektion wird als die gelungenste seit vielen Jahren gefeiert. Ein bisschen vom Ruhm bekommt nun auch Roeloffs ab. Seine Collagen sollen auf Taschen und sogar Sofastoffe gedruckt werden. „Die rufen mich jeden Tag an und sagen, wie glücklich sie sind.“

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