Ausstellung : Das Gewissen ist kein Ruhekissen

Gegen Antisemitismus, Ausgrenzung, Gewalt: Die Ausstellung „7xJung“ wirbt in sieben Alltagsinstallationen dafür, Verantwortung zu übernehmen.

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Veranwortung ist bunt. Petra Schlie (r.) hat die Ausstellung „7x Jung“ konzipiert. Gesicht-zeigen-Vorstand Heye (l.) begrüßt heute Altkanzler Schröder zur Eröffnung.
Veranwortung ist bunt. Petra Schlie (r.) hat die Ausstellung „7x Jung“ konzipiert. Gesicht-zeigen-Vorstand Heye (l.) begrüßt heute...Foto: Mike Wolff

Eine Ausstellung, die Spaß macht und nachdenklich, die einen mitreißt und gleichzeitig betroffen zurücklässt: „7xJung“ – ein Projekt des Antidiskriminierungsvereins „Gesicht zeigen“ – spannt den Bogen zwischen Gegenwart und Nationalsozialismus, Alltag und Wahnsinn. Ohne exklusive Exponate, dafür mit vertrauter Atmosphäre und Gegenständen des täglichen Gebrauchs macht die Ausstellung greifbar, was eigentlich nicht zu begreifen ist. Heute Abend wird sie von Altkanzler Gerhard Schröder in den S-Bahnbögen des Bahnhofs Bellevue eröffnet.

Das Bett ist kurz und klein gehackt, die Nachttischlampe liegt zerbrochen auf dem Boden. Einige Grundschüler auf Vorabbesuch drücken sich interessiert und verwundert ihre Nasen am Fenster platt, das als einziges einen Blick in das Chaos erlaubt. Einen Blick in das Zimmer, das auch ihr Kinderzimmer sein könnte. Aktuelle Comics, Poster von Teenieidolen: Alles da, alles kaputt. Auf einem Handyvideo können die Kinder verfolgen, wie es dazu kam, wie ein Mann einfach in den Raum ging und mit einer Axt alles zerwüstete, was den wirklichen Besitzern des Zimmers einst lieb und teuer gewesen sein muss. „Was würdet ihr tun, wenn jemand das mit eurem Zimmer macht?“, fragt der Mann, der die Schüler noch vor der offiziellen Eröffnung auf dem Rundgang durch die Ausstellung begleitet. Die meisten wissen darauf eine einfache Antwort: Sie würden die Polizei rufen.

Was sie noch nicht wissen, ist, dass dieser Raum einen geschichtlichen Hintergrund hat. Dass Hitlers SA tatsächlich die Zimmer jüdischer Kinder in Stücke schlug, dass die Polizei damals nicht auf der Seite der Opfer stand. In Zeiten, in denen für viele der Rechtsstaat zur Selbstverständlichkeit und Demokratie zum Gewohnheitsrecht geworden ist, packt die Ausstellung „7xJung“ die Besucher in ihrer Lebenswirklichkeit und vermittelt ein Gefühl für die Vergangenheit.

Sieben Installationen dieser Art, sieben Räume, haben die Kuratoren Petra Schlie und Ralf Swinley gemeinsam konzipiert. „Der emotionale Zugang stirbt langsam mit den Zeitzeugen aus“, erklärt Schlie. Deswegen zeigt die Ausstellung nur, was jeder kennt, wozu jeder einen Zugang hat. Eine Sporthalle, eine Bäckerei, ein Tanzlokal. „Alle Szenerien haben einen Anker in der Geschichte, aber er ist im Heute ausgeworfen.“ Für die Installationen ist Schlie viel herumgereist, hat mit den Zeitzeugen gesprochen, sich die Geschichten erzählen lassen und genau zugehört. Deshalb sind es besonders Details, die einen am meisten verunsichern.

Auf dem Übergang zwischen zwei Räumen liegt ein Haufen Exemplare von Karl Mays Roman „Schatz im Silbersee“. Dieses Buch war das einzige, was der jüdischstämmige Cornelius Bischoff als Jugendlicher auf der Flucht vor den Nazis mit ins türkische Exil genommen hat. Einige Meter weiter stehen Bänke aus dem Treptower Park. Früher stand darauf geschrieben „Nur für Arier“. Heute werden sie mit „Türken raus“ beschmiert. „7xJung“ will auch darauf aufmerksam machen, was Ausgrenzung heute bedeutet und wie man sie abwehrt. „Niemand muss ein Held sein, aber wir müssen verstehen, dass wir nicht unbeteiligt sind“, sagt Schlie. Jeder könne ein bisschen Terpentin nehmen und Geschmiere entfernen.

Verantwortung zeigen, an der Gesellschaft mitarbeiten. Das sind Kernthemen des Vereins „Gesicht zeigen“, der mit Gerhard Schröder als Schirmherrn und dessen ehemaligem Sprecher Uwe-Karsten Heye als Vorsitzendem einen prominenten Vorstand aufweisen kann.

Schauspielerin Josefine Preuß hat eine Patenschaft für einen der Räume übernommen. Jungen Menschen Werte wie Respekt und Toleranz zu vermitteln, ist ihr wichtig. „Dafür gebe ich mein Gesicht verdammt gern her.“ Vom Konzept ist sie begeistert. Denn obwohl für Kinder ab zwölf Jahren konzipiert, ist „7xJung“ auch – oder gerade – für Erwachsene interessant. Alles ist interpretierbar. Warum liegt ein Stück Seife aufgebahrt wie ein Juwel in der Vitrine? Die Kameras im Einkaufsladen, eine stille Mahnung gegen die totale Überwachung? Im Idealfall verlässt jeder „7xJung“ mit mehr Fragen als Antworten.

S-Bahnbögen Bahnhof Bellevue, Flensburger Straße 3, Tiergarten, ab 10. Juni, Do-So 14-18 Uhr, 2 Euro, www.7xjung.de

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