Ausstellung : Der Wende auf der Spur

Zwischen volkseigenem Einheitstakt und kunterbunter Alternativkultur: Eine neue Ausstellung über das Leben in Prenzlauer Berg vor, während und nach dem Mauerfall.

Werner Kurzlechner
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Alles im Wandel. Ein sich ständig verändernder Ausstellungsstoff macht seine museale Aufbereitung besonders schwierig. -Foto: Thilo Rückeis

Aufmüpfigkeit, Eigensinn und Kreativität haben, so sagt man, besonders in Prenzlauer Berg ein Zuhause. Das war so, als die Mauer stand, und das ist auch heute so. Aus dem Alltag verschwunden ist hingegen die sozialistische Gleichförmigkeit. Zum Beispiel der Einheitstakt der Nähmaschinen im VEB Treffmodelle in der Greifswalder Straße 212, wo Frauen Tisch an Tisch Mäntel fertigten. Auch dort wich der monotone Arbeitsalltag erst einer bunten Vielfalt, der fast 20-jährigen Zwischennutzung durch unabhängige Theatergruppen und andere Künstler, dann einer im Kiez kritisch beäugten Ungewissheit: 2007 kaufte ein Investor aus London das Areal – Zukunft offen.

Wie in der Greifswalder Straße früher in Reih und Glied genäht wurde, ist in der neuen Dauerausstellung des Museumsverbundes Pankow auf einem Großfoto zu sehen, das durch Texte zur weiteren Entwicklung ergänzt wurde. Das Thema der Geschichtsschau: Prenzlauer Berg vor, während und nach der Wende, jener Stadtteil also, der in den Sanierungsjahren einen einzigartigen Umbruch erlebte und noch erlebt. Dem Problem des permanenten Wandels begegneten die Ausstellungsmacher mit „Modularisierung“, wie Museumsleiter Bernt Roder formuliert. Zwischen Decke und Fußboden wurden Schnüre gespannt, an denen Tafeln mit Fotos und Texten, Monitore und Hörstationen hängen. „Wir können die einzelnen Teile bei neuen Entwicklungen jederzeit wechseln“, sagt Roder.

Sieben Schwerpunkte gibt es, verteilt auf zwei Räume. Je ein Ort steht für ein Thema, das auch an Einzelschicksalen oder Gegenständen veranschaulicht wird. Das Bezirksamt an der Fröbelstraße etwa, einst Sitz der Berliner Stasiverwaltung, repräsentiert „Macht und Ohnmacht“. Eine alte Wahlurne erinnert an die gefälschte Kommunalwahl im Frühjahr 1989. Der spätere Baustadtrat Matthias Klipp prangerte damals die Manipulation in der Stadtbezirksversammlung an und sprach seine alte Rede für die Ausstellung erneut auf Tonband. Die Gethsemanekirche wurde als Erinnerungsort für die Opposition im Sozialismus gewählt, der Helmholtzplatz für die veränderte Lebenssituation durch Sanierung und Immobilienspekulation. Rykestraße und Kollwitzplatz stehen für die Künstlerszene vor und nach der Wende.

Die vom Bezirk Pankow und der Bundesstiftung „Aufarbeitung der SED-Diktatur“ ermöglichte Ausstellung mit dem Titel „Gegenentwürfe“ gebe es auch wegen des großen Interesses vieler Berlinbesucher am „Mythos Prenzlauer Berg“, sagt Roder. Dem kommt insbesondere der Teil entgegen, der sich mit der alternativen Szene an der Oderberger Straße beschäftigt. Fotos vom Hirschhof-Areal dokumentieren, wie die Gegenkultur in der späten DDR aussah: Kinder malen Friedenssymbole an Mauerruinen, Lederjackenträger schauen herausfordernd in die Kamera. Eine alte Lederjacke habe er nicht auftreiben können, berichtet Roder. Dafür aber einen Schlafsack, der ebenfalls eine realsozialistische Rarität darstellte. Das Ausstellungstück wurde für den Schwarzmarkt in einer Hinterhofwohnung genäht. Im VEB Treffmodelle machte man ja nur in Oberbekleidung.

Dauerausstellung im Kultur- und Bildungszentrum Sebastian Haffner, Prenzlauer Allee 227/228, Mo bis Fr 10–18 Uhr

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