Stadtleben : Beim Bein des Zyklopen

Das Filmmuseum baut seine Ausstellung um Dabei verdrängt das deutsche Kino die Trickmonster

Andreas Conrad

Es gehört zum Wesen eines Skeletts, dass ab und zu ein Knochen verloren geht. Auch das stählerne Gerüst des einäugigen Zyklopen aus dem Trickfilm „Sindbads 7. Reise“ (1958) macht da keine Ausnahme. Bislang stand das Monster einbeinig in dem Teil des Berliner Filmmuseums, das dem amerikanischen Animationsmeister Ray Harryhausen gewidmet ist. Das muss nicht länger sein: In einer Garage in Los Angeles, die der Oscar-Preisträger nutzte, wurde jetzt das fehlende Bein entdeckt, nicht länger muss sich Berlins Zyklop amputiert zur Schau stellen.

Ein schwacher Trost, hat doch nun das letzte Stündlein der Berliner Harryhausen-Schau geschlagen. Nur noch bis Monatsende sind die „Künstlichen Welten“, der Harryhausen und dem Science-Fiction-Genre gewidmete letzte Teil der ständigen Ausstellung, komplett zu bestaunen. Dann wird er – wie auch der Raum über den deutschen Film nach 1945 – für eine grundlegende Neugestaltung geschlossen. Nur noch Bruchteile der jetzigen Kollektion sind danach zu sehen.

Schon lange, erläutert Peter Mänz, Leiter der ständigen Ausstellung im Filmmuseum am Potsdamer Platz, kam Kritik auf, dass der neuere deutsche Film zu kurz und der neueste gar nicht vorkomme. Dem will man nun mit dem bis Ende Januar terminierten Umbau gerecht werden. In den jetzigen Schlussraum des deutschen Teils wird nach dem neuen Konzept eine „Wand der Regisseure“ einziehen: 22 Bildschirme, auf denen Filme über jeweils zwei deutsche Regiekoryphäen flimmern, mit Werkausschnitten und Interviews, darunter Vitrinen mit passenden Exponaten. Der erste Raum jenseits des Fahrstuhlfoyers, jetzt Ort für die Harryhausen-Sammlung, soll mit Kostümen und anderen Schauwerten bestückt werden, darunter einem Modell des Dampfboots aus „Fitzcarraldo“, und auch Winnetou wird nicht vergessen. Für den jetzigen Science-Fiction-Raum wird eine neue Ausstellung zur „Evolution der Animation“ konzipiert, in die die vom deutschen Film verdrängten Teile zumindest in Bruchstücken integriert werden.

Von Harryhausen bleibt ein halbes Dutzend Exponate in Berlin, darunter der nun zweibeinige Zyklop, berichtet Rolf Giesen, zuständig für die „Künstlichen Welten“. In gut 20 Jahren hat er eine schon wegen ihres Umfangs einzigartige Sammlung über dieses Genre zusammengetragen und dem Museum zur Verfügung gestellt. Auch die Dauerleihgabe durch Harryhausen, um die internationale Museumsleute ihre Berliner Kollegen beneidet haben, hatte er eingefädelt. Jetzt werden die Fantasiefiguren, die Riesen, Saurier, Greife und säbelschwingenden Skelette, eingelagert, später wohl auf verschiedene Sammlungen verteilt und damit über den Erdball verstreut. Der Hauptteil geht wahrscheinlich nach London.

Mit dem Kompromisskonzept ist Giesen zufrieden, er hat ja auch trotz jahrelanger Suche leider keinen alternativen Schauraum für Harryhausen finden können. Jetzt hofft er, dass die von ihm zusammengetragene Sammlung, die wegen der heute üblichen Preise gar nicht mehr zu bezahlen wäre, auch künftig gepflegt und ergänzt wird. Immerhin, bald ist sie um ein Zyklopenbein reicher. Andreas Conrad

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