Berlinale : Glamour in der Krise

Heute ist "Goldene Kamera" – ausnahmsweise ohne große Gala. Auch einige Berlinale-Partys fallen aus. Doch es gibt noch Orte, wo auch in schweren Zeiten gefeiert wird.

Elisabeth Binder
Goldene Kamera
Weniger Glanz. Auf einer Pressekonferenz werden heute die Preisträger der „Goldenen Kamera“ bekannt gegeben. Auf eine pompöse...Foto: dpa

BerlinHeute haben die Stars krisenfrei. Die festliche Verleihung der "Goldenen Kamera", normalerweise ein Pflichttermin für deutsche Film- und Fernsehprominente und Hollywood- Stars, um die es gerade etwas still ist, findet nicht statt. Lediglich im Rahmen einer Pressekonferenz sollen die Preisträger verkündet werden. Der rote Teppich vor der Ullstein-Halle bleibt eingerollt. Nach einer Welle von Glitzerrekorden in den Vorjahren zeichnet sich diesmal ein Dimmer-Effekt für den in Berlin normalerweise als Glamour-Monat zelebrierten Februar ab.

Springer-Chef Mathias Döpfner jedenfalls hat die Krise zum Anlass genommen, in einem großen Befreiungsschlag gleich alle großen gesellschaftlichen Veranstaltungen des Verlags abzusagen - eben auch die Verleihung der Goldenen Kamera, die in der Vergangenheit inoffiziell den Reigen der Stars und die Hochsaison des roten Teppichs eröffnete. So spart Döpfner nicht nur viel Geld, sondern ermöglicht auch eine dringend notwendige Denkpause, ob die ewige Wiederkehr von Lob- und Dankreden überhaupt noch zeitgemäß ist.

Oscar-Imitationen gibt es inzwischen wie Sand am Meer, da laufen sogar große Stars irgendwann Gefahr, langweilig zu wirken. Insofern ist der Verzicht der Fernsehzeitschrift "Hörzu" auf die Gratis-Werbung während der in der Regel gut zweistündigen Live-Übertragung im Fernsehen gar nicht so groß.

Krisenfrei auch am Freitag

Die Stars, die zur Goldenen Kamera da waren, haben, einmal vom Berlin-Virus gepackt, in den vergangenen Jahren häufiger um ein paar Tage verlängert. Denn natürlich stand die Berlinale immer im Mittelpunkt. Andere Events schufen lediglich Synergieeffekte, neben der Verleihung der Goldenen Kamera an der Spitze etwa auch die Gala "Cinema for Peace", die allerdings bleibt, auch dank des Engagements von BMW-Chef Hans-Reiner Schröder, der als Sponsor mit einer gut sechsstelligen Summe hier auch ein Zeichen gegen die Krise setzen und Optimismus und positives Denken verbreiten will. Doch insgesamt wird das Party-Aufkommen zurückgehen, und das ist vielleicht sogar gut, weil auf diese Weise Zeit für Wesentliches bleibt. Filmegucken statt Feiern zum Beispiel.

Krisenfrei gibt's am Freitag gleich wieder. Volkswagen verzichtet in diesem Jahr darauf, die "Peoples Night" auszurichten, die in den Vorjahren am Tag nach der Eröffnung des Filmfestivals immer einen hohen Glamour-Faktor hatte und bei VIP-Gästen entsprechend beliebt war. "Wir fördern weiter Dinge wie den Talent Campus, wollen uns aber aufs Wesentliche konzentrieren", sagte eine VW-Sprecherin. "Als die Entscheidung fiel, wussten wir schon, dass es nicht in die Zeit passt, große Partys zu feiern, wenn Unternehmen große Krisen bewältigen müssen."

Man muss sich das so ähnlich vorstellen wie die Auf- und Abschwünge in der Wirtschaft. Der Lust am großen Glitzern und Feiern ohne Ende folgt immer wieder eine ruhige Phase. Nach dem 11. September 2001 und dem folgenden Einbruch der Weltwirtschaft gab es ebenfalls eine Zeit, in der nur wenige große Galas gefeiert wurden. Als die Lust am Glamour zurückkehrte, hatte sich der Charakter vieler Feste verändert. Statt einfach ins Blaue hinein zu feiern und sich selber darzustellen, gingen viele Gastgeber dazu über, ihre Feste mit einem guten Zweck zu verbinden. Der Aufstieg der Charity-Galas begann.

Charity-Galas bieten weiterhin Glamour

Auf dem weiten Feld des nachhaltigen Glamours hat sich Berlin also schon lange vor der großen Krise als Trendsetter-Metropole etabliert. Gesellschaftliches Leben findet statt auf einem Parkett, auf dem vor allem Gutes getan und Hilfe angeschoben wird. Vergleichsweise jung ist der "Dreamball", der das Thema Krebs mitten ins Scheinwerferlicht transportiert. Kein Wunder, dass diese Idee in den USA geboren wurde, wo gesellschaftliches Engagement auf Glamour-Ebene schon lange eine Selbstverständlichkeit ist. Die Gala "Innocence in Danger" unterstützt den Kampf gegen sexuellen Missbrauch von Kindern im Internet. Dabei entstehen Netzwerke von Menschen, die sich ganz konkret engagieren, bei Innocence in Danger zum Beispiel Volker Schlöndorff oder Wim Wenders. Auch die Gala "Cinema for Peace" ist amerikanisch geprägt. Hier setzen sich Hollywoodstars für eine friedlichere Welt ein, wird Geld aufgebracht, etwa um Kindersoldaten zu helfen, in ein normales Leben zurückzugehen. Mehr als zwei Millionen Euro kamen nach Angaben der Veranstalter in den vergangenen Jahren unter anderem für Unicef zusammen.

Glamour ist auch in Zeiten der Krise gefragt, aber er muss mit Nachhaltigkeit verbunden sein. Man möchte schon auch Gutes tun. Dieses Prinzip ließe sich noch kräftig ausweiten. Bei vielen teuren Galas und Bällen ist es üblich, dass die Gäste am Ende eine Geschenktüte erhalten, um die Veranstaltung in guter Erinnerung zu behalten. Die Inhalte sind unterschiedlich, mal mehr, mal weniger gut zu gebrauchen. Das reicht von Fruchtgummis bis zu Kosmetika. Viel platzsparender wäre es, wenn jeder Gast einen Umschlag bekäme, in dem die Sponsoren einen Beitrag zu einer Wohltätigkeitsaktion attestieren, den sie für diesen einzelnen Gast geleistet haben. Das Gefühl, an etwas Gutem beteiligt zu sein, schmeckt unter Umständen besser als Gummibärchen.

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