Berlinale-Jobs : Gala der Unsichtbaren

Kartenabreißer, Klofrauen, Wachschutzleute: Das unterbezahlte Kulturprekariat verlieh am Samstag eigene Berlinale-Preise.

Thomas Loy

Vorne links, am Glücksrad, steht Christoph, 30, ein „prekärer Wissensarbeiter“ von der Uni Hamburg. Er hat sich zur „Gala der prekären Perspektiven“ im Roten Salon der Volksbühne ein Nadelstreifenjackett angezogen und bedient jetzt das Glücksrad. Jeder Gast darf kostenlos drehen. Meistens bleibt der Zeiger bei einer Frage stehen: Wie fühlst du dich bei deiner Arbeit – wie John Wayne oder wie Louis de Funes? Wann hattest du zuletzt Urlaub? Man kann auch gewinnen: Sekt aus ökologischem Anbau, Glückstee, einen „Leitfaden für Arbeitslose“ oder Lübecker Marzipan.

Die Gala am Samstagabend ist längst ausverkauft, aber sie lassen immer noch Leute herein. Einige besetzen schon die Stufen vor der Bühne. Die Veranstaltung kommt völlig ohne Prominenz aus. Dafür tragen viele Gäste große Rucksäcke, erzählen vom letzten „Aktionstag“ und wer beim „Euro-Mayday“ so mitmacht.

Endlich betreten Max und Jenny von „Fels – Für eine linke Strömung“ die etwas staubige Bühne. Max, ein Politikstudent, 26, hat hell leuchtende Augen und schwarze Haare. Jenny sieht auch gut aus. Beide tragen eine Spiderman-Brille im Haar und einen Superman-Umhang. Es gehe darum, nicht mehr länger „Nebendarsteller im eigenen Leben zu sein", sagt Jenny. „Wir wollen wieder Hauptdarsteller werden.“

Dann wird vorgelesen, Zitate und Selbstbeschreibungen von prekär Beschäftigten aus der Kulturszene: Kartenabreißer, Klofrauen, Filmfahrer, Wachschutzleute, Praktikanten, Drehbuchautoren und Filmproduzenten. Später läuft ein Film über die Leute, die bei der Berlinale schuften, schlecht oder gar nicht dafür bezahlt werden und es trotzdem toll finden, dabei zu sein. Wenn es wieder jemand toll findet, als „Freiwilliger“ auf der Berlinale zu arbeiten, geht ein Stöhnen durchs Publikum.

Zwischendurch verleihen Max und Jenny die „goldenen Superhelden“, selbstgebastelte Trophäen, die man unten aufschreiben kann. Die Verleihzeremonie ist dramaturgisch nicht vorbereitet und verläuft entsprechend unglamourös. Am Ende haben drei Preisträger ihre Superhelden auf der Bühne stehen lassen.

Die Frau von Verdi, die für ihre Gewerkschaftsarbeit im Kulturprekariat ausgezeichnt wird, ist aber doch ein bisschen gerührt. „Ich habe noch nie einen Preis bekommen.“

Robert Weber, ein Surfpoet, tritt ans Mikrofon und sorgt für den ersten Skandal des Abends. Weber möchte wissen, wieviel Eintritt die Galagäste gezahlt hätten, er kriege hier nämlich nichts für seine Kulturarbeit. Überhaupt könne er mit dieser Litanei der „Selbstausbeutung von Künstlern“ nichts anfangen. „Ich mach‘ genau dasselbe, was ich schon gemacht habe, als ich noch arbeitslos war.“

Nach Webers Lesung muss Max erstmal klarstellen, dass alle Gala-Mitarbeiter kein Geld kriegen und der Überschuss des Abends für wichtigere Dinge verwendet werde. „Da fallen immer noch Prozesskosten an, nach dem G 8-Gipfel.“

Und was hat die Gala nun gebracht? Soziologin Annkathrin, die einen roten Stern auf dem T-Shirt trägt, erzählt vom „Kollektivgefühl“ und dass sie sich in vielen Erzählungen der Berlinale-Prekären wiedergefunden habe. Seit kurzem hat Annkathrin aber einen festen Job, „als Sachbearbeiter in einer Stiftung – da bin ich jetzt fein raus.“

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