Berliner an Bord (5) : Traum am Tau

Christian Elissavitis Lilge wollte Möbel bauen – und wurde Kunsttischler. Er wollte aufs Wasser – nun baut er sein Hausboot aus.

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Christian Elissavitis Lilge hat sich für ein Refugium auf dem Wasser entschieden. In einer Hausbootkolonie im Westhafen liegt seine „Müritz“, ein 40-Meter-Lastkahn, den der Kunsttischler sich zum Traumhäuschen umbaut.
Christian Elissavitis Lilge hat sich für ein Refugium auf dem Wasser entschieden. In einer Hausbootkolonie im Westhafen liegt...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Kann man Lebensglück planen oder basiert es auf Zufällen? Eigentlich glaubt Christian Elissavitis Lilge daran, alles habe seine Zeit. „Aber rückblickend denke ich, es gab einen Plan.“ Wie sonst sollte er heute wohnen, wohin es ihn immer gezogen hat: auf dem Wasser? Und: Rostock spielt eine Rolle, Rostock, seine Geburtsstadt. Das Schiff nebenan heißt „Rostock“, das war inseriert, aber nicht mehr zu haben. Daneben lag die „Müritz“: 40 abgewrackte Meter Lastkahn, jahrelang Domizil für ein soziales Projekt. „Auf diesem Schiff möchte ich leben.“ Der Gedanke setzte sich fest in seinem Kopf, und noch während der Besichtigung an Deck begann Christian Lilge zu träumen. „Ich sehe Potenzial, wo die meisten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.“ 2005 hat er das Boot gekauft. Er sagt: „Ich bin immer noch in Bauphase drei.“

Das Hausboot „Müritz“ hat 14 gut vertäute Nachbarn. Die Kolonie liegt vom Verkehr umtost und doch versteckt im Westhafen. Gäste registrieren ungläubig: oben die Autobahn-Baustelle, Stau, Wagen an Wagen, und unten kaum was zu hören davon, Stille, Idyll. Christian Elissavitis Lilge, 41, nennt dies sein „Getaway“. Einen Rückzugsort, nicht ein Versteck. „Man zeigt’s ja auch gerne.“ Nur eben nicht jedem.

Ein „Getaway“ ist eine Philosophie. Sich zurückziehen und dann wieder öffnen. „Wenn ich das nicht bräuchte, würde ich ins Kloster gehen.“ Er möchte diesen Liegeplatz am liebsten geheim halten, trotzdem bietet er auf seinem Hausboot „Bed and Breakfast“ – für nette Leute, gute Freunde. Das ist seine Art von Gastfreundschaft, sehr eigen, sehr warmherzig. Wem er traut, dem gibt er etwas ab von seinem Hausboot-Traum. „Ich will nur Missverständnisse vermeiden, keinen Neid provozieren. Man lebt ja hier nicht toll, einfach nur anders.“ In der Kolonie kennt jeder jeden, man hat ein Auge auf die Boote. Aber ständig Leute am Ufer, die gucken wollen, so was geht nicht.

Vor der kleinen Gangway pflanzt Freundin Eva ein Gärtchen. Ihre Blumen geben auch dem Deck Charme, blühen dort in Kübeln, das gab’s bei ihm früher nicht. Eine Etage tiefer, am Ende des 40 Zentimeter schmalen Flurs mit holzverschalten Wänden, öffnet sich mittschiffs der Salon: 35 Quadratmeter Wohn- und Essraum, licht und freundlich. In der Mitte auf dem Küchenblock steht ein frisch gebackener Apfelkuchen, dazu macht der Bootseigner auf dem Gasherd die Milch heiß für den Kaffee, serviert ihn mit Schaum in weißen Schalen. Der Küchentisch – ein richtiger Tisch, stabil und weiß schimmernd – sieht aus wie neu, ist aber Jahre alt. „Ahorn, geseift“, sagt Christian Lilge. „Deshalb wird er nicht gelb.“ Sein Beruf ist Kunsttischler. „Studio furniture designer“ ist bei den Amerikanern der präzisere Ausdruck für jene Könner, die Einzelstücke anfertigen. Christian Lilge ist so einer. In seinem Studio nicht weit vom Hausboot verleiht er einem Bett aus Eiche und Lärche ein Haupt aus Wellen, die die Holzmaserung streicheln, fertigt einen Geschirrschrank mit drei Geheimfächern oder einen Schaukelschrank für Liebesbriefe aus Hölzern von mythologischer Bedeutung: Olive, Eibe, Zypresse. Die Funktion verneigt sich vor der Form und dient ihr, ist sein Leitsatz. „Auf dem Boot konnte ich machen, was meine Bestimmung ist“, sagt er. Kreativität ausleben. Freunde – Handwerker und Künstler – haben ihn dabei unterstützt.

Lilge, griechischstämmig, wanderte mit den Eltern früh nach Deutschland aus. Von der Heimat hat er die Affinität zum Wasser, vom Großvater, einem Tischler, die Liebe zum Holz. Die wollte geweckt werden. 1987 kam er nach Berlin, begann als Page im Kempinski. „1988 war ich Koch, 1989 Tischler“, erzählt er lachend. „Ich wollte immer mein Ding machen. Ich wollte Möbel bauen!“ Unweit seiner Werkstatt ging er in die Lehre, zur Fortbildung dann nach Rhodes Island, USA. Rückkehr nach Berlin, Ausstellungen, eigene Werkstatt. Er bewohnte eine selbst sanierte Fabriketage. „Ich habe gesagt, wenn ich hier ausziehe, dann nur in Eigentum. Drei Wochen später hatte ich dieses Boot.“

Der Ausbau des Schiffes wurde zur Selbsttherapie. Nach einer langen Schicht war Lilge zusammengebrochen: Burn-out mit 36 Jahren. „Ich seh’ darin nichts Negatives. Um auszubrennen muss man erst mal entflammen.“ Jeder Arzt hätte gesagt, den schick ich in die Alpen. Lilge aber begann, sein Schiff auszubauen, ließ auf der Werft Stahlböden entfernen, riss verschimmelte Unterböden und überflüssige Wände raus, entkernte, machte die Räume bewohnbar, ging mit Grundvertrauen und seinem Hab und Gut aufs Wasser. Auf seiner Hausboot-Website ist das alles dokumentiert. Heute diszipliniert er sich, zwingt sich nicht mehr, effizienter zu werden. Er macht Witze, sagt: „Ich betreibe Briefkasten-Feng-Shui. Übers Wochenende hole ich keine Post raus.“

Die „Müritz“ ist ein Schmuckstück. Im Boden die Original-Längsbalken aus Kiefer von 1963. Den Salon heizt ein kanadischer Holzofen. Die von Lilge getischlerte Koje, ein tiefes Sofa mit Schubladen, reicht über die ganze Breite, darüber drei Stempel-Bilder des Künstlers Joachim Zintel. Auf fröhlich-grünem Linoleum eine Küchenzeile mit Profigeräten in Edelstahl. Durchs Einsachtzig-Panoramafenster über der Spüle ist der vorbeifahrende Schlepper ganz zu sehen, seine Wellen schaukeln das Hausboot. Zwei putzige Gästezimmer, drei mal drei Meter, mit Bücherregalen und selbst gebautem Bett. Das Bad ist mit Kiefer ausgeschlagen, im Zentrum eine Zinkwanne von 1800, ein barocker Spiegel; alle Beschläge kommen vom Schmied und das Betonwaschbecken vom befreundeten Künstler Michael Villanueva.

Das Werk ist nicht vollendet: die Wand zum Frühstücksplatz am Bug soll durch eine Glasfront ersetzt werden, ein Aufbau aufs Schiff drauf. Zuerst aber wird die Fassade mit Lärchenholz erneuert, mit schwedenrotem Anstrich. Der Kunsttischler steht barfuß am Bug in der Sonne. Er sagt mit einem Lächeln in den Augen: „Ich hab’ noch lange zu tun.“

Christian Elissavitis Lilge, Zillestr. 69, Tel. 95 99 69 68. www.elissavitis-moebel.de

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