Berliner Gastronomie : Rauchende Köpfe

Rauchverbot in Restaurants, Bars und Kneipen? Einige Berliner bringt das richtig auf die Palme. Was sich Wirte so alles einfallen lassen, damit Gäste weiter qualmen können.

Cay Dobberke,Annette Kögel
Rauchverbot Smokeria
Berliner Restaurantbesitzer haben Phantasie - das beweist die "Smokeria". -Foto: Uwe Steinert

Von außen wirkt der alte weiße Lieferwagen unscheinbar. Aber kaum zieht man die Schiebetür zur Seite, tritt man ein in die neue Raucherwelt: Am Himmel funkeln hunderte Sternenlämpchen, im Blaulichtschein leuchten Buddha-Bilder, die Elektroheizung auf den stilisierten Dielen bullert – und es stinkt noch nicht mal nach altem Qualm, weil die Lüftungsanlage den Rauch abzieht: Mit der „Smokeria“ auf vier Rädern reagiert die Trattoria a’ Muntagnola in der Schöneberger Fuggerstraße auf ihre Weise auf das nahende Rauchverbot in der Gastronomie.

Das Gefährt ist ein Ducato – Restaurantchef Pino Bianco stammt aus Italien. „Wir hatten erst an ein Zelt mit Heizpilz gedacht, aber das wäre mir zu gefährlich und zu klimaschädlich“, sagt der 50-jährige Schöneberger. So machten sich Rainer Nordhoff, Technik-Mitarbeiter, und Kellner Marcello Calenda an die Arbeit. Der Polsterer gegenüber lieh den Tacker für den Stoffbezug, und von der Trattoria führt das Stromkabel nun raus ins Rauchermobil. Jetzt soll noch eine Musikanlage eingebaut werden – die Anwohner-Parkvignette liegt schon hinter der Windschutzscheibe.

Doch nicht nur das Restaurant präsentiert sich kreativ angesichts des Nichtraucherschutzgesetzes ab 1. Januar 2008, das Rauchen in den 6500 Berliner Gastronomiebetrieben nur noch in gesonderten Räumen gestattet. Das Fünf-Sterne-Hotel „Palace“ an der Budapester Straße in Charlottenburg etwa warb bisher damit, man könne in der hauseigenen „Sam’s Bar“ den Feierabend mit „einer guten Havanna“ genießen. Nun entsteht eine gläserne Raucherlounge mit zehn Sitzplätzen und Extrabelüftung – in der Hotellobby. Auch in der Pariser Straße in Wilmersdorf mit ihren vielen Restaurants rauchen die Köpfe. Der Besitzer der Cocktailbar und Diskothek „Lavie“, Cheick Sékou Diabaté, will möglicherweise ein Partyzelt vor die Tür stellen, wie auch die Wirte des nahen „Café Solo“. Doch der Leiter des Charlottenburg-Wilmersdorfer Ordnungsamts, Joachim Schwartzkopf, winkt ab: Die dauerhafte Sondernutzung von Gehwegen durch Zelte vor Lokalen „wird generell nicht genehmigt“. Erlaubt seien nur Markisen und seitliche, durchsichtige Windschutzwände. Auch in der Pariser Straße wollen viele Gastronomen das Rauchen vorerst nicht verbieten, Verstöße würden bis Juli nicht geahndet. Adrian Madaus von der „Friend’s Cocktailbar“ will „erst einmal abwarten“ – auch die Verfassungsklage sei noch anhängig.

Auch Berlins Clubszene ist zurückhaltend. „Maria am Ostbahnhof“ und „Sage Club“ gehören zu den wenigen Diskotheken, die pünktlich rauchfrei werden. Der Trick einiger Eckkneipenbesitzer, Rauchervereine zu gründen, um „privat“ weiter qualmen zu dürfen, werde wohl nicht gelingen, meint Klaus-Dieter Richter vom Hotel- und Gaststättenverband: Es handele sich rechtlich weiter um Lokale, die Gewinne erwirtschaften wollen. Restaurantchef Pino Bianco will seine „Smokeria“ künftig auch vermieten. Im Restaurant darf man übrigens schon seit einem Jahr nicht mehr rauchen, das Geschäft laufe „gerade deswegen“ blendend. Viel Spaß haben Pino Bianco und Kollegen dabei, ihre Gäste über die Tische hinweg beim Flirten zu beobachten. „Und dann heißt es: Na, wollen wir mal eine rauchen gehen?“ Cay Dobberke/Annette Kögel

Wer ähnliche Initiativen kennt, schickt eine E-Mail mit dem Stichwort „Rauchzeichen“ an berlin@tagesspiegel.de.

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