Berliner und Türken : Türkisch für Fortgeschrittene

16.04.2009 00:00 UhrVon Ferda Ataman
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Özdemir

Der Döner wurde in Berlin erfunden, das weiß inzwischen jeder. Weniger bekannt ist, dass die Geschichte der Türken in Berlin viel weiter zurückgeht als bis zur Ankunft der Gastarbeiter in den 60er und 70er Jahren. Das turbulente Verhältnis zwischen Preußen und Osmanen beschreibt die Berliner Autorin Hilke Gerdes in ihrem Buch "Türken in Berlin".

BerlinUnd siehe da: Die Einwanderer aus der heutigen Türkei wurden nicht immer mit problembeladenen Attributen in Verbindung gebracht. Vielmehr prägte im 18. Jahrhundert ein Türkenfetisch die Modewelt vornehmer Berliner, damals stilvoll „Turquerie“ genannt. Der preußische Adel feierte Türkenbälle und das Bildungsbürgertum erzählte sich schlüpfrige Märchen aus 1001 Nacht. Selbst die rund tausend muslimischen Soldaten im preußischen Heer – eigentlich Tartaren, keine Türken – wurden vom Hof mit Turbanen, Kaftans und türkischen Hosen ausgestattet.

Außerdem gab es türkische Druckwaren in Berlin, lange bevor die Hürriyet als Informationsquelle für Gastarbeiter in Berlin eingeflogen wurde.

Um 1917 etwa wurde die zweisprachige Wochenzeitung „Die neue Türkei“ gedruckt, die als fortschrittliches Medium auch eine „Seite der Frau“ hatte. Und selbst das Schneidereimonopol der Stadt haben nicht erst Gastarbeiterfrauen an sich zu reißen versucht: Die erste türkische Schneiderin kam 1922 nach Berlin. Eine patente junge Türkin, die dank modebewusster Russinnen eine erfolgreiche Modemacherin wurde. Rebia Tevfik Basikcu richtet sich in der Budapester Straße einen Salon ein, der sich nebenbei der „kemalistischen Frau der neuen Türkei“ widmet.

All das wären Themen gewesen, über die Autorin Hilke Gerdes gern bei der Präsentation ihres Buchs am Mittwochabend gesprochen hätte. Stattdessen aber musste sie auf dem Podium Fragen zu Zwangsehen, Ehrenmorden und Bildungslücken junger Türken in Migrantenvierteln beantworten. Neben ihr saß Grünen-Chef Cem Özdemir und der Neuköllner Komiker Murat Topal. Alle drei argumentierten, dass viele Probleme in Migrantenmilieus nicht ethnische, sondern soziale Hintergründe hätten. Özdemir kritisierte auch das deutsche Schulsystem: Die Pädagogen würden nach wie vor für die deutsche Idealfamilie, die „Bio-Deutschen“, ausgebildet.

Wie er sich die Zukunft vorstellt? „In zwanzig Jahren“, sagte Özdemir, „haben wir eine Grüne Bundeskanzlerin und ich berate die türkische Regierung bei der Frage, wie sie ihre Probleme mit der deutschen Minderheit an der Mittelmeerküste in den Griff bekommt.“ Letzteres ist durchaus denkbar.

Hilke Gerdes: „Türken in Berlin“, Bebra Verlag, 224 Seiten, 19,90 Euro

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