Clublegende : Tod eines Partymachers

Dag Harbach feierte mit Hollywoodschauspielern und anderen berühmten Gästen der Hauptstadt. Überraschend ist der ehemalige Kreativdirektor vom Club "90 Grad" gestorben.

Andreas Conrad
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Glamourclub. Das 90 Grad gehörte zu den gefragtesten Partyorten der Stadt. In war, der drin war. -Foto: ddp

BerlinIm Internet existiert der einstige Nobelclub „90 Grad“ noch, die Website zeugt mit Namen und Fotos ehemaliger Gäste davon, wie schnell der Glanz dieser Welt vergeht. George Clooney, Hugh Grant, Günter Netzer, Tokio Hotel, Joschka Fischer, Dustin Hoffman, Bruce Willis, Jackie Chan – sie alle waren in der Schöneberger Dennewitzstraße 37 zu Gast. Dort allerdings ist der berühmt gewordene Schriftzug schon lange abgeschraubt, das Gebäude verpachtet. Das Projekt „90 Grad“ pausiere, wie es auf der Homepage heißt. Und als wolle man sich selbst Mut zusprechen, findet sich noch ein trotziges Motto: „The past is not dead. In fact, it’s not even past.“

Das mag für einen Club stimmen, wenn ein Mensch gestorben ist, tröstet das wenig. Gestern fand sich unter den Traueranzeigen im Tagesspiegel auch die für Dag Harbach, der einst einer der kreativen Köpfe des „90 Grad“ und einer der wichtigsten Partymacher der Stadt war. Wie Nils Heiliger, ehemals „90 Grad“-Betreiber und Freund Harbachs,

Dag Harbach
Foto: Adoph Press

bestätigte, starb der 44-Jährige während eines Urlaubs in Thailand. Zunächst habe Harbach mit der Ex-Freundin dort hinfliegen wollen, sei dann aber allein gereist. Man habe ihn tot in seinem Hotelzimmer gefunden, über die näheren Umstände sei noch nichts bekannt. Heiliger weiß von einem Magendurchbruch, den Harbach vor einigen Jahren erlitt, berichtet auch, dieser habe nach dem Brand des „90 Grad“ 2004 eine sehr schwere Zeit durchgemacht, habe den Club als „sein Baby“ angesehen, und dann sei der Kreis der Freunde und Mitstreiter plötzlich zerfallen. Harbach, der bei seiner Ex-Freundin in Westdeutschland lebte, habe sich in letzter Zeit aber wieder gefangen und schon neue Pläne geschmiedet. Sein Tod sei für Freunde und Bekannte überraschend gekommen – „ein Schock“.

Die Erfolgsgeschichte des „90 Grad“, mit der Dag Harbach fast seit Anfang an so eng verbunden war, begann genau einen Monat vor dem Mauerfall, in einer von außen wenig einladenden ehemaligen Autowerkstatt an der Dennewitzstraße, die an dieser Stelle mit einem scharfen 90-Grad-Knick in die Kurfürstenstraße übergeht. Anfangs war der aus Iserlohn stammende Harbach dort so etwas wie ein Faktotum, stieg aber schon nach kurzer Zeit zum Art-Direktor auf, zum kreativen Kopf des aufstrebenden Clubs, der von Bob Young und Britt Kanja gegründet worden war. Legendär wurde seine zeitweise Neigung zu übergroßen Brillengestellen, gepriesen seine Begabung, „mit einfachen Mitteln eine Atmosphäre zu schaffen, die funktioniert“, wie Heiliger sich erinnert. Bald war das „90 Grad“ eine der Topadressen des Berliner Nachtlebens, ein Ort, wo Veranstalter von Premieren und sonstigen Events ihre berühmten Gäste gerne hinführten. Dabei blieb es ein Ort am Rande der Legalität, eine eher geduldete als mit allen amtlichen Siegeln abgesegnete Stätte des Vergnügens. Versicherung? Kein Gedanke.

Der fatale Brand im Mai 2004, ein Fall unaufgeklärter Brandstiftung, wurde der Anfang vom Ende. Bereits 1999 waren die Gründer ausgestiegen, und Harbach hatte sich Verstärkung ins Boot geholt, darunter Heiliger. Aber auch das ist längst Geschichte. 2006 wurde der Club verkauft, ein Jahr später auch der geschützte Name abgezogen und das Logo abgeschraubt. Harbach blieb der Partyszene treu, arbeitete etwa fürs „Felix“. Noch bei einem ihrer letzten Telefonate hatten er und Heiliger sinniert, ob man das alte Projekt nicht noch einmal reaktivieren sollte. Zu spät.

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