Stadtleben : Das Leben ist auch eine Party

Das „Zeit“-Magazin feiert mit offenen Worten

Wolfram Siebeck hat sich Sorgen gemacht. „Wer so dünn ist, der isst nicht mehr“, tadelte er den erst 33-jährigen Redaktionsleiter des neuen „Zeit“-Magazins „Leben“, Christoph Amend. Eine größere Sünde als Nahrungsverweigerung kann es aus der Sicht des 78-jährigen Gründungsvaters der deutschen Restaurantkritik kaum geben. Zu entschuldigen war die allerdings mit den Monaten harter Arbeit in der Entwicklungsredaktion.

Beim Fest für die Wiederauferstehung eines Lieblings der „Zeit“-Leser (der Tagesspiegel berichtete in einer Teilauflage darüber) auf der Terrasse des Hauptstadtbüros kam noch eine zweite Sünde zur Sprache: Platzraub. Siebeck hat nämlich aus Gründen der schöneren optischen Aufbereitung und der größeren Lesefreundlichkeit jetzt nur noch halb so viel Platz zur Verfügung wie vorher in der Beilage „Leben“ – aber, andererseits, fast so viel wie im alten „Zeit“-Magazin, das zwischen 1970 und 1999 zur Legende wurde, und mit dem auch Siebeck groß geworden ist. Auch Günter Wallraff, der neue Starautor des Magazins, hatte übrigens seine spannende Enthüllungsreportage aus der unheimlichen Arbeitswelt der Callcenter um die Hälfte kürzen müssen.

Es waren aber nicht alles Sünden, vermeintliche, die zur Sprache kamen – auch Schmeicheleien hatten ihren Platz. Er habe in seinem neuen redaktionellen Umfeld eher was Betuliches und Abgestandenes erwartet, sagte Wallraff. Und war dann „ komplett überrascht“, etwas so Munteres und Kritisches wie dieses Magazin-Team vorzufinden. „Wir tarnen uns halt gut“, konterte „Zeit“-Chefredakteur und Tagesspiegel-Herausgeber Giovanni di Lorenzo.

Ja, was die äußere Wirkung der früher auch mal als arrogant geltenden „Zeit“- Leute betrifft: Sie war immer schon Tarnung für die Tatsache, dass dort seit je besonders nette Menschen gearbeitet haben, auch vor der Gründung des ersten „Zeit“-Magazins unter der Regie des verstorbenen Verlegers Gerd Bucerius. Die Maxime lautete stets: „Wir machen uns eine Zeitung, die wir selber gern lesen mögen.“ Mögen tut man sie, und jetzt wieder besonders, mit diesem Angebot.

Große Komplimente gab es von di Lorenzo für „Zeit“-Geschäftsführer Rainer Esser und vor allem für Verleger Stefan von Holtzbrinck, dass sie den Herzenswunsch der Leser erfüllt hätten – und das in Zeiten des Internets. Umgekehrt gab es auch jede Menge Lob, aber das war nicht sonderlich überraschend.

Erstaunlich war eher zu sehen, wie die Schauspielerin Iris Berben, die zu den Gästen zählte, auf eine ganz ungekünstelte Art immer noch schöner wird. Vielleicht wäre das ja auch mal ein doppeltes Magazin-Titelbild wert. Bi

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