Stadtleben : Der Dopaminmarathon

Was macht Weihnachten eigentlich aus? Die Vorfreude – und 23 andere Dinge Die neue Tagesspiegel-Serie beantwortet bis Heiligabend Fragen rund ums Fest

Thomas Loy

Bei meinen Kindern ist das mit der Vorfreude ganz einfach: Sehen sie im Laden den ersten Schokoweihnachtsmann, fangen ihre Gesichter an zu leuchten. Kaufen wir den Weihnachtsmann, stellen ihn zu Hause aufs Küchenregal und sagen: Den darfst du aber erst am Heiligabend essen, freuen sie sich eben, dass er noch ganz ist und wohlauf. Das Leuchten im Gesicht wird zwar etwas schwächer, aber bei jedem Wiedersehen werden die Akkus in den Grinsebäckchen aufgeladen.

Regel eins: Vorfreude braucht einen greifbaren Anreiz.

Heute ist 1. Dezember, Beginn der offiziellen Vorfreudesaison. Doch immer mehr Menschen, besonders im Erwachsenenalter, haben Probleme, in die richtige Stimmung zu kommen. Sie können Unmengen Weihnachtsmänner kaufen, Adventsmärkte besuchen oder Weihnachtsbalkonbeleuchtungen installieren, ohne sich auf Weihnachten zu freuen. Es gibt keine Verheißung, die sie mit dem Erwerb von Weihnachtsschmuck verbinden. Es gibt kein Geheimnis mehr, keine Überraschung, auf die sie hinfiebern können.

Was kann man da tun?

Das Einfachste ist, Kinder zu kriegen und sich von ihrer Vorfreude anstecken zu lassen. Aber auch die Beachtung einiger Regeln kann Wunder bewirken. Reden wir zunächst über Geschenke. Die sind zentral wichtig für die Weihnachtsstimmung, auch wenn kirchenaffine Puristen gerade im Weglassen der Geschenke die Lösung sehen. Als ich früher als Kind beschenkt wurde, durfte meine Wunschliste gerne länger ausfallen. Meine Mutter suchte dann zwei Wünsche aus, das waren die Hauptgeschenke. Ich wusste nicht, was ich bekam, konnte aber sicher sein, dass ein großer Wunsch in Erfüllung geht.

Die Weihnachtsstube, in der sich jedes Jahr das Weihnachtswunder der Bescherung ereignete, war schon Tage vor dem Heiligabend ein hermetisch abgeriegeltes Gebiet. Dadurch wurde die wohlige Vorfreude langsam zu einer aufregenden Anspannung verdichtet. Es entstand ein Weihnachtsthriller, in dem meine Mutter die Titelrolle übernahm. Wir Kinder suchten nach Hinweisen, was in der abgedunkelten Weihnachtsstube vor sich ging, nach möglichen Schleifspuren vom Transport großer schwerer Geschenke, nach abgekratzten Preisschildern im Papierkorb. In die Weihnachtsstube einzubrechen, haben wir nie in Erwägung gezogen. Der Kitzel der Vorfreude wäre frühzeitig erlahmt, so viel hatten wir schon verstanden.

Aber was ist die Vorfreude eigentlich? Die Hirnforschung hat auch dieses schöne Mysterium ein wenig entzaubert.

Erwartet der Mensch ein Ereignis, das in erreichbarer Zukunft eintrifft und als positiv eingeschätzt wird, nimmt das „ventrale Tegmentum“, ein Bereich im Hirnstamm, seine Arbeit auf. Der Botenstoff Dopamin wird losgeschickt, schlägt sich durch die Synapsen bis ins Vorderhirn, um dort den „Nucleus accumbens“, einen Nervenknoten, zu aktivieren. Der Knoten ist das Belohnungszentrum des Gehirns. Das Dopamin dockt hier großflächtig an und löst so die Vorfreude aus.

Besonders viel Dopamin kommt zum Einsatz, wenn das Hirn nicht genau weiß, auf was es sich freuen darf. Eine kleine Überraschung ist tausendmal anregender als etwas Großes und Teures zu bekommen, was man schon kennt. Die Dopaminproduktion nimmt mit zunehmendem Alter ab, deshalb können Kinder viel intensiver Vorfreude empfinden als Erwachsene. Aber man kann natürlich dagegen antrainieren. Immer wieder gezielt überraschen lassen – das ist Dopaminjogging.

Die weihnachtliche Vorfreude soll aber auch besinnlich sein und lange anhalten. Darauf haben die Neurobiologen noch keine Antwort gefunden. Der Einzelhandel erdachte schon vor 100 Jahren eine Lösung für dieses Problem: Vorfreude in kleine Häppchen stückeln. Der Adventskalender war geboren.

Bei meinen Kindern ist der preisgünstige Schokokalender sehr beliebt. Recycelbare Varianten aus dem Familienbastelarsenal – so mit kleinen Taschen zum Wiederbefüllen – haben sich nicht bewährt. Der Drang, die Vorfreude räuberisch abzukürzen, ohne Spuren zu hinterlassen, war doch zu groß.

Biologisch betrachtet, kann Vorfreude bis auf neun Monate ausgedehnt werden, ein wahrer Dopaminmarathon. Der stimulierende Dauerreiz ist der wachsende Mutterbauch. Damit der Überraschungseffekt nicht verlorengeht, haben wir den Ultraschall-Auguren jedesmal verboten, uns entscheidende Details zu verraten. Jetzt ist sie da, Nadja Felicitas, unsere dritte Tochter. Sie kam acht Tage zu spät. Fast wäre sie in die Weihnachtszeit hineingeplatzt und hätte dem Christkind die Vorfreude gestohlen. Nadja ahnt noch nicht, welche Überraschungen auf sie warten. Morgen zünden wir auch für sie eine Kerze an.

Hier kann man sich vorfreuen: Im Botanischen Garten öffnet heute der Weihnachtsmarkt im neuen Glashaus (täglich 14 bis 20 Uhr, bis 16. 12.). Und um 16 Uhr wird in der Universität der Künste, Hardenbergstraße 32, Tschaikowskys Nussknacker aufgeführt. Es gibt noch Karten ab 24 Euro.

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