Stadtleben : Der Spurenleser am Todesstreifen

Drei Jahrzehnte, drei Tote: Florian Huber hat einen Film über das Sterben an der Berliner Grenze gedreht

Daniela Martens

Dichter Nebel färbte die Nacht grau. Fabian Huber stand auf der Mauer und blickte nach unten. 3 Meter 50 ging es dort in die Tiefe. In der Nähe war ein Wachturm zu erahnen. Im November 2006 war das, auf einem der letzten Mauerüberreste in der Nähe des ehemaligen Grenzkontrollpunkt Helmstedt-Marienborn zwischen Berlin und Hannover. 17 Jahre nachdem die Mauer mit der Wende ihren Schrecken verlor, war das. 19 Jahre nachdem der Berliner Handwerker Lutz Schmidt starb – durch einen Schuss beim Versuch, in Treptow über die Mauer in den Westen zu fliehen. Und 44 Jahre nachdem die junge Berlinerin Dorit Schmiedel auf ähnliche Weise starb - in Niederschönhausen.

„Ich konnte mir da oben auf der Mauer die Überwindung besonders gut vorstellen, die es Flüchtlinge kostete, hinunterzuspringen“, sagt Fabian Huber ein gutes halbes Jahr später. „Das war schon ein gespenstischer Dreh“ - auch wenn der Nebel aus der Maschine kam. In jener Novembernacht hat der Regisseur die Flucht von Dorit Schmiedel aus der DDR nachgestellt. In der folgenden Nacht die Flucht von Lutz Schmidt. Beide Szenen sind heute Abend in seinem Dokumentarfilm zu sehen: „Wenn Tote stören – vom Sterben an der Mauer“ (ARD, 22 Uhr 45).

Von drei Schicksalen erzählt Florian Huber in seinem Film – drei von etwa 120 Menschen, die an der Mauer starben. Genaue Zahlen gibt es bis heute nicht. Die Idee zu dem Film kam bei einem Berlinbesuch vor drei Jahren. Er hatte sich damals vorgenommen, die Spuren der Mauer zu besichtigen und war enttäuscht, wie wenig übrig ist. „Ich wollte die Erinnerung wachhalten, bevor alle Spuren verwischen“, sagt Florian Huber. Der 39-jährige Fernsehjournalist ist promovierter Historiker und sagt trotzdem: „Als ich anfing zu recherchieren, wusste ich noch nicht einmal genaues über den Schießbefehl.“ Vorher hatte er sich kaum mit dem Thema beschäftigt: „In der Schule und im Studium wurde ich restlos über die NS-Zeit aufgeklärt, die spätere Geschichte spielte kaum eine Rolle.“ Er wuchs in Bayern auf, arbeitete Anfang der Neunziger als Radioreporter in Berlin und lebt heute in Hamburg.

Für den Film las er arbeitete er sich in das Thema ein, las ein halbes Jahr lang Akten und Dossiers. Er ließ sich Kopien der teilweise geschwärzten Schriftstücke nach Hause schicken und arbeitete sie dort diszipliniert durch. Morgens um sieben weckte ihn sein kleiner Sohn, um neun saß er Schreibtisch in seiner Hamburger Wohnung. So begann für ihn sein Leben als freier Filmemacher. Vorher war er Redakteur beim NDR.

Wahrend der Recherche wurde Huber klar, dass „das Thema bislang nur in Einzelstücken behandelt worden war. Es fehlte eine Gesamtschau für die ganze Zeit, in der die Mauer stand und Menschen dort starben – von 1961 bis 1989.“ Außerdem seien die Reaktionen auf der Westseite vorher kaum dokumentiert worden. Also suchte aus jedem Jahrzehnt einen Fall heraus. Er führte Interviews mit ehemaligen SED-Mitgliedern und Westdeutschen Politikern wie dem ehemaligen Bundesminister Egon Bahr (SPD), mit den Angehörigen der Opfer und Überlebenden Flüchtlingen.

„Das sind alles Geschichten, die bis heute nicht abgeschlossen sind“, sagt Huber. Das sei ihm besonders beim Interview mit den inzwischen erwachsenen Kindern des getöteten Lutz Schmidt klar geworden. Das gilt sogar für ihn selbst, den „alten Wessi“, wie sich der jungenhafte Mann nennt. Auch in seiner Familie gab es ein „DDR-Drama“: Der Mann seiner Cousine, der DDR-Fußballspieler Lutz Eigendorf, wurde nach seiner Flucht in den Westen wahrscheinlich von der Stasi getötet. „Mit der Nachricht wurde mir zum ersten Mal die Schrecken des DDR-Regimes bewusst.“

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