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Die neue Feierwut : Paul Kalkbrenner ärgert sich über Berliner Clubszene

03.12.2010 12:54 UhrVon Haiko Prengel
Paul KalkbrennerBild vergrößern
Paul Kalkbrenner - Foto: Promo

„Berlin Calling“ machte ihn berühmt. Jetzt hat Paul Kalkbrenner einen neuen Film gedreht – der heimischen Szene kann er nicht mehr viel abgewinnen.

Seine Fans werden das nicht gerne hören, aber: Paul Kalkbrenner mag Berlin nicht mehr. Jedenfalls nicht die Party- und Clubszene. Obwohl er doch genau dieser Szene entsprungen ist!

Vor zwei Jahren wurde der Techno-Musiker aus Friedrichshain durch seine Hauptrolle im Film „Berlin Calling“ zum Star, seine Auftritte werden seitdem gefeiert, ob in Kanada, Mexiko oder in der Türkei. Heute sitzt er in einem Hotelzimmer in Mitte, gibt eines der wenigen Interviews, die sein Terminkalender noch zulässt, und es klingt deutlich durch: Mit seinem alten Berliner Umfeld kann Paul Kalkbrenner nicht mehr viel anfangen. Grund für den Verdruss scheint auch der Feiertourismus zu sein, der jedes Wochenende in der Hauptstadt stattfindet.

Gerade ist der 33-Jährige aus Südamerika zurückgekehrt, er hatte Auftritte in Buenos Aires und Lima, jeweils vor mehreren tausend Menschen – da arbeitet er auf der Bühne etwa mit Geräten wie Synthesizern, Sequenzern, Controllern. Und er hat einen neuen Film gemacht. Keinen Spielfilm wie „Berlin Calling“, sondern eine Dokumentation. „Paul Kalkbrenner 2010 – A Live Documentary“ zeigt die Europatournee im vergangenen Sommer, mehr als 15 Konzerte wurden mitgeschnitten. Neben Livepassagen sieht man Interviews und Backstage-Szenen.

Wer nicht live dabei war, hat offenbar Großes verpasst. Die Tour markiere mit weit über 100 000 Zuschauern einen neuen „Meilenstein für elektronische Musik“, schwärmt Kalkbrenners Management. Keinem anderen deutschen Musiker in diesem Genre hätten sich so sehr die „ganz großen Hallen“ und die Herzen der Fans erschlossen wie Paul. Klingt das nicht ein wenig überheblich? „Ja, das klingt für mich auch abgehoben. Aber es ist einfach so“, sagt Kalkbrenner lakonisch. Er scheint sich wohl zu fühlen in seiner Rolle als Superstar. Ein wenig ungeduldig rutscht er auf seinem Hotelsessel hin und her. Ein Manager und ein PR-Profi sind auch im Raum.

Grund zum Selbstbewusstsein hat Paul Kalkbrenner allemal. Kaum ein anderer Künstler der Techno-Szene ist in so kurzer Zeit vom Lokalhelden zum Weltstar geworden. Kalkbrenner wird heute in einem Atemzug mit Kollegen wie Sven Väth genannt. Auf Facebook hat er bereits drei Mal so viele Fans wie das Techno-Urgestein aus Hessen. „Ich finde das auch erstaunlich“, sagt Kalkbrenner. „Ich denke aber auch, dass das ab einem gewissen Punkt gar nichts mehr mit mir zu tun hat.“ Wurde vielleicht einfach ein neuer Superstar gesucht?

Die Live-Dokumentation jedenfalls zeigt einen Künstler, der von seinem Publikum gefeiert wird wie ein Messias. Wo er auch auftritt, Paul Kalkbrenner steht hoch erhoben an seinen Reglern und Knöpfen wie hinter einem Altar und heizt den Massen ein. Bei Hymnen wie „Sky and Sand“ singen die Fans mit, jede einzelne Zeile. Sie formen mit ihren Fingern Herzen, recken sie dem Musiker entgegen. Da fehlen bloß noch die geschwenkten Feuerzeuge.

In den dreckigen Clubs, in denen „Berlin Calling“ spielt, gibt es solchen Starkult nicht. Paul Kalkbrenner ist jetzt ein Techno-Popstar und erinnert bei seinen Auftritten ein wenig an DJ Paul van Dyk. Der Techno-Millionär jettet ebenfalls seit Jahren um die Welt, tritt nur noch in riesigen Hallen auf. Zu Hause in der Berliner Szene wird er dafür von manchen belächelt. „Vielleicht wird man wirklich irgendwann davon gejagt, wenn man zu lange in großen Hallen auftritt“, sagt Kalkbrenner, der inzwischen in den Bezirk Mitte gezogen ist. Im Moment werde er von seinen Künstlerkollegen aber eher ermutigt, genauso weiterzumachen wie bisher. „Toll, dass Du uns so voranbringst“, habe ein befreundeter Künstler zu ihm und seinem Erfolg gesagt. Die Anerkennung ist nachvollziehbar: Nirgendwo tummeln sich mehr Techno-DJs als in der deutschen Hauptstadt, gut leben können die meisten nicht von ihrem Handwerk. Gerade dieser Überfluss ist das, was Paul Kalkbrenner an seiner Heimat nicht mehr gefällt. Dass alle nur noch ins Techno-Mekka Berlin wollen – ob Partytouristen oder DJs –, beklagt er. Alles auf einem Haufen, das könne doch nicht gesund sein. Nächstes Jahr allerdings wird auch Paul Kalkbrenner viel Zeit in Berlin verbringen. Dann will er ein neues Album aufnehmen – in der Stadt, die ihm nicht mehr so richtig gefällt.

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