Stadtleben : Eine Stadt spricht zwei Sprachen

Udo Badelt

40 Jahre Teilung – da hatten Sprache und Lebensstile in Ost und West viel Zeit, eigene Wege zu gehen. Die Folgen spürt man bis heute. Eine 40-jährige Frau würde im Schlosspark Charlottenburg wohl für die Mutter ihres Kindes gehalten werden, im Treptower Park dagegen für die Oma. Denn in der DDR bekamen die Frauen sehr jung Kinder. Und noch immer schicken ostdeutsche Frauen ihre Kleinen viel früher in Krippe und Kita.

Eine Untersuchung, inwieweit unterschiedliche Bezeichnungen für die gleiche Sache auch Ausdruck eines anderen Denkens waren und sind, würde bestimmt spannende Ergebnisse liefern: Es gab die Kaufhalle und den Supermarkt, die Fahrerlaubnis und den Führerschein, die Reinemachfrau und die Putzfrau, die Datsche und den Schrebergarten, die Angloamerikaner und die Alliierten, das Betriebsanrechtswesen und das Theaterabo. Junge Männer im Osten gingen „zur Fahne“, im Westen gingen sie „zum Bund“. Dort kaufte man Stühle aus Plastik, im Osten aus Plaste – ein Begriff, den die Buna-Werke in Schkopau geprägt hatten, der aber bald seinen Weg in die Umgangssprache fand.

Der Ost-Jargon hat heute, da die Erinnerung an die DDR immer mehr schwindet, einen schweren Stand. Aber noch immer behaupten sich Broiler und Ketwurst erfolgreich gegen Brathähnchen und Hot Dog, noch immer kann man in Anzeigen anhand von „2-Raum-Wohnung“ oder „2-Zimmer-Wohnung“ schnell herausfinden, wo der Vermieter sozialisiert wurde. In den östlichen Bezirken gibt es sogar Bäckereien, die es mit der kapitalistischen Maxime des Geldverdienens nicht so genau nehmen und am Sonntag und Montag schließen.

Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten. „Ebend“ statt „eben“ oder den erweiterten Infinitiv mit „zu“ („Ich habe noch einen Topf auf dem Herd zu stehen“) benützen Ost und West gerne. Die von der SED statt des Engels verordnete „Jahresendflügelfigur“ liegt hingegen auf dem Müllhaufen der Geschichte. Aber das hat sowieso nie jemand gesagt. Udo Badelt

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