Stadtleben : Eine Tasse Tautropfen

Der Weißrusse Egor Sviridenko verbindet in dem Laden „Tschaikowsky“ Tee- und Kunstgenuss

Heidemarie Mazuhn

„Wie geht es Ihnen“, fragt der junge Mann den Gast, den es an einem schwül-heißen Nachmittag ins Tee- und Kunsthaus Tschaikowsky in Prenzlauer Berg verschlagen hat. Wie man später erfährt, ist die Frage nicht nur höflich gemeint, sondern dient der richtigen Tee-Wahl. Und die fällt in dem kleinen Lokal schwer, das mit seinem Möbelsammelsurium mehr wie ein privates Wohnzimmer anmutet. Mit etwa 140 Teesorten bietet das Tschaikowsky die Qual der Wahl – wer sich da lieber dem Hausherrn Egor Sviridenko anvertraut, ist gut beraten.

Dem nach eigenem Bekunden erschöpften Zufallsgast bringt er an diesem Nachmittag einen grünen Tee – „Gyokuro Tokiwa“ heißt der Zaubertrank aus Japan. Zum ersten Tässchen gibt der Einschenker ausführlich Auskunft über den Diamanten unter den Grüntees, der in seiner Heimat nie die Sonne sieht. Was dazu führt, dass dieser Schattentee viel Koffein und wenig Gerbstoffe enthält.

Die mit viel Tee-Diskurs servierten „edlen Tautropfen“ – so heißt der kredenzte Tee übersetzt – weckt dann nicht nur langsam die Lebensgeister, sondern auch die Neugier. Wie kommt das Tee- und Kunsthaus mit dem berühmten Namen in die Käthe-Niederkirchner-Straße 15, eine eher fußgängerarme Seitenstraße im boomenden Bötzowviertel? Und woher stammt der junge Mann, der mit so viel Ernsthaftigkeit überragende Teeweisheiten an Gäste weitergibt?

Egor Sviridenko kommt aus Minsk – der Einfachheit halber benutzt er hier die russische Variante seines Namens. Das echte-weißrussische Original lautet Yahor Svirydzenka. Seit einem Jahr wohnt Egor alias Yahor in Berlin. Mit dem Rad ist er in zehn Minuten aus Weißensee im Tschaikowsky. So hat der studierte Lehrer für Englisch und Deutsch das Tee- und Kunsthaus genannt, in dem er seinen Traum vom Tee als Medium verwirklichen möchte. Ihn anzubieten, ist in seiner Heimat ein Zeichen von Freundschaft. Daran will Sviridenko hier anknüpfen und in der Art russischer Salons zum Teegenuss auch Kunst und Kultur anbieten. „Punst in der Teestube“ nennt der Teewirt spielerisch-verfremdet das bunte Programm meist junger Künstler aus aller Welt. Punst, denn die meisten seien ja erst auf dem Weg zur großen Kunst.

Die Idee zur Teestube kam ihm in Aix-en-Provence. Eine Münchener Computerfirma hatte ihn in ihr Büro dort als Vertriebsleiter geschickt, weil er neben Englisch und Deutsch auch Französisch beherrscht. Zu den Bayern war Sviridenko in Minsk gekommen, wo er zunächst als Übersetzer für sie arbeitete. Als er in Aix-en-Provence Teestuben kennenlernte, beschloss er, nicht mehr „immer weiter zu rennen“, sondern mehr in die Tiefe des Lebens zu gehen. „Ich war bereit, Gutes zu tun“, erzählt er. Berlin erschien ihm der richtige Ort.

Drei Monate suchte er 2007 mit seinem Freund und Kompagnon aus St. Petersburg, Arseny Winogradow, nach einem Laden. Tee bringe kein Geld, so wollte der Makler ihnen das Projekt ausreden und empfahl eine Cocktailbar. Als ihre Energie schon ziemlich erschöpft war, fanden sie das ehemalige Teegeschäft in Prenzlauer Berg. „Geduldig und in Stille“ verwirklichen sie nun dort ihren Traum, Tee, Kunst und Kultur zu vereinen. Und verzichten für den reinen Genuss sogar auf Kaffee und Küche als Quelle zusätzlicher Einnahmen. „Bei Wodka, Suppe, Bier oder Kaffee ist die Atmosphäre anders, auch die Luft“, so predigt Egor Sviridenkos fast missionarisch die reine Lehre vom Tee. Heidemarie Mazuhn

Tschaikowsky, Käthe-Niederkirchner-Straße 15, Di. bis So. 14–22 Uhr, Telefon: 7469 7972 (www.tee-kunsthaus.de)

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