Stadtleben : Einsteigen zur Zeitreise

Unterwegs im historischen Flugzeug auf den Spuren der Luftbrücke

Jan Oberländer

Die beiden 1200-PS-Motoren laufen langsam warm. Ihr durchdringendes Dröhnen füllt die Flugzeugkabine. Es ist ein geschichtsträchtiges Dröhnen. Das Geräusch der Luftbrücke – Gerhard Thurow hat es noch genau im Ohr. „Das war damals immer so laut!“ ruft der 77-Jährige und lacht. Der Rosinenbomber, in dem Thurow sitzt, ist eine Douglas DC-3, das gleiche Modell wie die Maschinen, die der Berliner während der sowjetischen Blockade 1948 und 1949 entladen half.

Kohlen, Konserven, Mehl- und Zuckersäcke. Für ihn als jungen Burschen sei das ein „Abenteuer“ gewesen, erinnert sich der alte Herr. Außerdem habe man ja auch etwas davon gehabt. Millionen hungrige und frierende Berliner wurden von den Alliierten aus der Luft versorgt, 2,3 Millionen Tonnen Fracht wurden auf rund 280 000 Flügen in die Stadt transportiert. „Das glaubt man heute gar nicht mehr“, sagt Thurow.

Neben ihm und seiner Frau Hermine hatten am Mittwochnachmittag noch 22 andere Tagesspiegel-Leser Gelegenheit, einmal mit einem echten Rosinenbomber einen Ausflug zu machen, inklusive Sektempfang und Einstimmungsfilm in der alten Offizierslounge des Flughafens. Die Passagiere hatten bei einem Gewinnspiel der silbrigen Maschine mit der runden Schnauze den richtigen Flugzeugtyp zuordnen können. Gerhard Thurow musste nicht lange überlegen. „Er erzählt oft von der Luftbrückenzeit“, sagt seine Frau.

Und so freut Thurow sich auch wie ein Schneekönig, als die 1944 gebaute und originalgetreu restaurierte Maschine rumpelnd vom sonnenbeschienenen Rollfeld des Flughafens Tempelhof abhebt, um den in bequeme Ledersitze geschnallten Passagieren die Stadt aus der Vogelperspektive zu zeigen. Die Route führt über Steglitz, Friedenau, Grunewald, Wannsee, auf dem Weg nach Potsdam bringen ein Schauer und ein paar Luftlöcher so manchen Magen zum Hüpfen, während der leidenschaftliche Flieger Thurow fröhlich jauchzt. Über Charlottenburg geht es zurück, mit tollem Blick auf ein puppenhauskleines Berlin, auf die Siegessäule, das Regierungsviertel, den Alexanderplatz. Nach einer halben Stunde setzt der Kapitän wieder zur Landung an. Als er durch den Mittelgang in Richtung Ausstieg geht, ist seine Hose nass: Das Cockpitfenster ist undicht.

Die Thurows sind nach dem Flug sehr unterschiedlich gestimmt. Gerhard ist euphorisch und knipst mit seiner Digitalkamera herum. „Da stand damals der Lastwagen“, erklärt er und zeigt auf die Luke hinter dem Flügel der DC-3. Hermine ist melancholisch. Zwar habe sie den Flug „ganz, ganz schön“ gefunden. Doch bedeute er für sie auch einen Abschied – „von der Zeit, die hinter uns liegt“. Und auch von Tempelhof, dem Luftbrückenflughafen. Ende Oktober wird hier der Betrieb eingestellt. Jan Oberländer

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