Essen und Trinken : Trendgericht Burger: Currywurst war gestern

Der Burger ist Berlins Trendgericht. Wie konnte das passieren? Eine Spurensuche.

Lisa Seelig
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Burgerbegehren. Das „Ketchup und Majo“ will demnächst expandieren. Foto: Mike Wolff

Erinnerungen an frühe McDonald’s-Besuche offenbaren meist das völlig unspektakuläre Wesen einer durchschnittlichen Jugend: Wie man an seinem 18. Geburtstag mit dem väterlichen Opel die ober- niederbayerische Grenze passierte, um bei McDrive einzukehren; dass der unangetastete Höhepunkt eines Ausflugs von Soest nach Köln aus dem nachmittäglichen Verzehr eines Royal-TS-Menüs bestand.

Menschen, die als Teenager einschlägige Fastfood-Erfahrungen gemacht haben, eint ein Dilemma: Burger finden sie alle ziemlich famos. McDonald’s aber ist nicht mehr der richtige Ort. Selbst wer sich mit 16 auf dem entsprechenden Formular als Fünfjähriger ausgab, um in den Ronald McDonald’s-Geburtstagsclub aufgenommen zu werden und einmal im Jahr Burgergutscheine abzustauben, macht um die Kette heute einen großen Bogen. Bei McDonald’s gesehen zu werden, das ist fast so, als würde man im Ein-Euro-Shop beim Ladendiebstahl erwischt werden.

Für ausgezehrte Fastfoodliebhaber wird Berlin mehr und mehr zum Paradies. Burgerläden ohne Fastfood-Flair breiten sich in der Stadt aus wie vor einigen Jahren Kaffeeläden, deren koffeinhaltige Getränke Namen trugen, die aus mindestens drei Einzelteilen bestehen mussten.

„Kreuzburger“, das schon 2000 in der Oranienstraße seine erste Filiale eröffnete, gibt es mittlerweile auch in einschlägigen Ökoschwaben-Hoheitsgebieten, nämlich seit 2007 in der Pappelallee in Prenzlauer Berg und neuerdings auch in der Grünberger Straße in Friedrichshain. Das direkt neben dem Kreuzberger „Kreuzburger“ gelegene „Papa No“, ein Sushiladen, wirbt neuerdings etwas verzweifelt mit einem „Thaiburger“, um konkurrenzfähig zu bleiben. Um die Ecke liegen „Burgermeister“ und „Staatsburger“, dessen Claim „Wir sind hier nicht bei McDonald’s!“ lautet. Genau darum geht es: In den neuen Läden bekommt der Burger ein bisschen Glamour, er distanziert sich von seinem Schicksal als Sinnbild für das Fehlen kulinarischer Finesse. Und von seinem Image als Unterschichtenfestmahl.

In den neuen Läden verrät nur der penetrante Fettdunst, was Sache ist. „Ketchup und Majo“, die neueste Eröffnung in der Oranienstraße, trägt den Untertitel „Finest Burger Cuisine“. Das Interieur ist ein bisschen gewollt auf Lounge getrimmt, dunkler Holzboden, tief hängende Lampen, lilafarbene Wände, freigelegte Backsteinmauer hier und da. Nur die Theke, wo schnöde Gurken- und Tomatenscheiben in Plastikbehältern kauern, macht den BoConcept-Flair ein bisschen kaputt. „Berlin Burgers“, vor vier Monaten in der Sonntagstraße in Friedrichshain eröffnet, sieht aus wie ein schniekes American Diner. Cremefarbenene Sitzbänke, die Außenfassade in schwarz-weiß gehalten.

Ein womöglich gewagter hobbysoziologischer Einwurf: Ob vielleicht Obama Schuld ist am Burger-Hype? Seit Bush weg ist und Obama da, mögen wir Amerika ja wieder gern. Hat Obama den Burger aus der imperialistischen Schmuddelecke geholt? Wie auch immer, ein Phänomen, das wirklich in jedem der neuen Läden zu beobachten ist: Die Burger werden jeweils in den Varianten „hausgemacht“ und „Neuland“ angeboten. Wobei „hausgemacht“ einfach heißt: „kein Neuland“. Die neuen Burgerläden geben nur ganz dezent die Weltverbesserer. Gegen einen kleinen Aufpreis kann jeder sein Gewissen beruhigen und sicher sein, dass nur glückliches Fleisch zum Patty verarbeitet wird. Und dass er trotzdem einen richtigen, handfesten Burger kriegt. Das ist nämlich wichtig: Vor einigen Jahren wurde der Döner, genau wie der Burger kein Produkt, das zum Wellnessprodukt taugt, von weltverbessernden Gastronomen vergewaltigt, das Ergebnis war der vegetarische „Vöner“, der sich nie durchsetzen konnte.

„Ketchup und Majo“ läuft jedenfalls so gut, dass der Geschäftsführer schon drei weitere Filialen plant: in Mitte, Kreuzberg und Prenzlauer Berg, eine Kette soll entstehen, eventuell mit Franchise-System. Sein enormer Erfolg könnte dem Burger so bald zum Verhängnis werden: Wörter wie „Franchise“ und „Kette“ klingen in den Ohren der neuen Burgerboheme irgendwie … zu ungemütlich. Vielleicht muss bald etwas Neues her. Die Renaissance von Tex-Mex ist ernsthaft zu befürchten. Lisa Seelig

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