Fahrrad-Rikscha : Strampeln für bequeme Touristen

Dennis Steinhilber muss schon kräftig in die Pedale treten, damit sich sein Radtaxi in Bewegung setzt. Der ehemalige BWL-Student fährt in seiner vierten Saison Touristen durch die Straßen Berlins.

Florian Bittler[ddp]
Fahrrad-Rikscha
Durchtrainiert: Der Rikscha-Radler Dennis Steinhilber. -Foto: ddp

BerlinTrotz der modernen plastikverschalten Kabine für die Fahrgäste erinnert das Gefährt an Fahrrad-Rikschas, wie sie in Indien und China üblich sind. Im Gegensatz zum asiatischen Vorbild unterstützt ein kleiner Motor Steinhilber beim Anfahren oder wenn es zu steil bergauf geht. Letztlich muss aber die Muskelkraft das Gewicht des Fahrzeugs und der Insassen wuchten. "Die erste Woche in diesem Job war wirklich hart", erinnert sich Steinhilber an den Muskelkater, nachdem er seine ersten Fahrten absolviert hatte. Dabei waren dem 30-Jährigen sportliche Anstrengungen auf Rädern nicht unbekannt. Schon bevor er auf einen "City Cruiser" umstieg, absolvierte er Trainingseinheiten auf dem Mountainbike und bestritt in der Freizeit Radrennen. "Ein gewisses Maß an Athletik sollte schon vorhanden sein, um das Fahrzeug zu bewegen. Aber ich habe auch Kollegen gesehen, die etwas beleibter anfingen und dann sichtbar schlanker und fitter wurden", sagt er.

Nicht verwunderlich, denn die Radtaxis legen täglich im Schnitt zwischen 30 und 50 Kilometer zurück. Bei großen Ereignissen kann die Kilometerzahl sogar noch etwas steigen. "Bei der Fußballweltmeisterschaft waren die Velotaxis quasi als Shuttle-Service im Dauereinsatz", erzählt Steinhilber. Nach jedem Berlin-Marathon lassen sich zudem entkräftete Sportler in die benachbarten Hotels kutschieren, was für die Fahrer Zusatzschichten bedeutet.

Stadtführer und Kummerkasten

Bei so vielen Gästen kann der 30-Jährige auch so manche Anekdote erzählen. "Einmal hat mir eine Brüsseler Rüstungslobbyistin ihr Leid geklagt, wie schwer die Arbeit sei", erzählt Steinhilber. Da ist er dann nicht nur als Stadtführer, sondern auch als Kummerkasten gefragt. "Mein Service beschränkt sich nicht auf das bloße Fahren", betont Steinhilber. Ein gutes Gespür für die emotionale Befindlichkeit der Fahrgäste sei ebenso notwendig. Touristen liefert der Radler auch historische Hintergründe und vermittelt Wissenswertes zu den Attraktionen Berlins. Stadtführungen dieser Art seien besonders in der Umgebung zwischen Brandenburger Tor, Potsdamer Platz und dem Alexanderplatz sehr beliebt.

Wenn gewünscht, lichtet Steinhilber seine Kunden mit der mitgeführten Digitalkamera vor den jeweiligen Sehenswürdigkeiten ab. Dadurch entwickeln sich mitunter engere persönliche Kontakte in alle Welt. So besteht seit zwei Jahren ein reger E-Mail-Kontakt mit einem Fahrgast aus dem indonesischen Jakarta, dem Steinhilber das Erinnerungsfoto über das Internet zusandte. Ansonsten sei er für viele deutsche oder ausländische Besucher eine "wandelnde Infosäule", wenn es mal wieder mit der Orientierung hapert.

Steinhilber kann "davon gut leben"

Derzeit ist die "Personenbeförderung mit dem Rad", wie die Eintragung auf seinem Gewerbeschein lautet, Steinhilbers Hauptberuf. Für einen kleinen Betrag mietet er das Fahrzeug von einem Unternehmen, das auch die Wartung der Fahrzeugs übernimmt und den gesamten Fuhrpark mit Werbung finanziert. "Ich darf im Gegenzug die Einnahmen der Fahrten vollständig behalten und kann davon gut leben", erklärt der "Berufsradfahrer", den es nach dem Abbruch seines BWL-Studiums nach Berlin verschlug und der durch eine Zeitungsannonce von dieser Verdienstmöglichkeit erfuhr.

"Einmal wurde ich von Gästen für sieben Stunden gebucht und sogar zum Essen eingeladen", erzählt Steinhilber. Zudem seien üppige Trinkgelder keine Seltenheit, wenn sich die Kunden gut betreut fühlten. "Das ist wohl der tollste Job, den ich jemals haben werde", ist sich der durchtrainierte Radler sicher, wenngleich ihm klar ist, dass diesem Broterwerb natürliche, physische Grenzen gesetzt sind: "Man kann nicht ewig in die Pedale treten, denn die Knie werden ja auch nicht jünger." Steinhilber selbst will solange wie möglich hinter dem Lenker sitzen. Nach dem Saisonende am 31. Oktober soll es aber wieder zurück an die Universität gehen. Die Fächer Sport und Geschichte für das Lehramt möchte Steinhilber dann studieren.

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