Film : Expeditionen ins Mitte-Reich

Jakob Schillinger hat Berlins Szenebezirk erforscht. Für einen Film befragte er Partygänger und Clubbetreiber – und wurde dafür ausgezeichnet.

Nana Heymann
Schillinger
Forschertyp zwischen forschen Typen. Jakob Schillinger kennt isch aus in der Mitte-Szene. -Foto: Spiekermann-Klaas

Die quietschengen Röhrenjeans, die an den Beinen herunterrutschen wie schlecht sitzende Strumpfhosen, sind zum Beispiel so ein Erkennungsmerkmal. Auf der Kastanienallee zwischen Mitte und Prenzlauer Berg sieht man sie an jedem zweiten Passanten – egal ob Mann oder Frau. Dazu noch ein paar grelle Turnschuhe und ein flatterndes Oberteil mit tiefem Ausschnitt: das ist die Uniform des sogenannten Mitte-Hipsters, des jungen urbanen Szenegängers. Er ist leicht daran zu erkennen, dass er in den angesagtesten Klamotten rumläuft, auf den coolsten Partys abhängt und tagsüber mit seinem weißen Laptop in minimalistisch eingerichteten Cafés sitzt. „Digitale Bohème“ haben die Berliner Autoren Holm Friebe und Sascha Lobo solche Menschen mal genannt.

Von denen unterscheidet sich Jakob Schillinger auf den ersten Blick erheblich. Zum Treffen in einem Café in der Sophienstraße in Mitte kommt er mit einem ausgewaschenen Poloshirt, kurzen Hosen und Flip-Flops, über seiner Schulter hängt ein Stoffbeutel. Er wirkt viel zu zerstreut und fahrig, um für einen dieser betont lässigen Hipster gehalten zu werden. Und doch hat er mit ihnen zu tun. Jakob Schillinger hat ihren Lebensstil, ihr Ausgehverhalten, ihre Einstellung zur Arbeit wissenschaftlich untersucht. Seine Ausarbeitung – ein schriftlicher Teil und ein gut 45-minütiger Interviewfilm – ist von der Hamburger Körber-Stiftung mit einem Preis ausgezeichnet worden. Weil sie in einer Mischung aus künstlerischem Experiment und ethnologischer Feldforschung die Marketingmechanismen enthülle, „die sich hinter der vermeintlich selbstbestimmten Trendszene in Berlin Mitte verbergen“, lautet die Begründung der Preisjury.

Vor zwei Jahren hat Schillinger, der an der UdK visuelle Kommunikation studiert hat, mit seiner Arbeit angefangen. Auf der Straße und in Clubs wie dem Week-End oder Cookies sprach er Menschen an, die ihm durch ihr Äußeres und Auftreten aufgefallen waren: Partygänger, Türsteher, Clubchefs, Plattenlabelbetreiber. Frauen und Männer, die Schillinger als Protagonisten der Szene auszumachen glaubte. „Mich haben die zwischenmenschlichen Interaktionen interessiert“, sagt er, „ich wollte wissen, was die Leute antreibt.“ Die Antwort darauf ist eigentlich einfach: Selbstbestätigung. Nur, dass die Befragten das in dieser Deutlichkeit nicht zugeben. Stattdessen sprechen sie lieber von Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Erzählen mit Stolz von Bekleidungsfirmen, die ihnen Anziehsachen kostenlos zur Verfügung stellen oder von Getränkeherstellern, die Geld dafür zahlen, dass bei illegalen Partys die richtigen Drinks serviert werden. Kurzum: Die Inszenierung des eigenen Ichs wird zur Lebensaufgabe, das Ausleben von Trends regelrecht zur Arbeit. „Den Lifestyle zum Job machen“, nennt es ein Interviewpartner. Der Mitte-Hipster als Medium für schlaue Marketingstrategen und deren Produkte.

Das erstaunliche daran: die Masche funktioniert. Weil die sogenannten Opinion-Leader, also die Alphatiere der Szene, von vielen anderen um ihre Position, ihren vermeintlichen Einfluss beneidet werden. Der Marketingjargon bezeichnet diese Menschen als Sekundärzielgruppe. „Die zeichnet sich dadurch aus, dass sie den Opinion-Leader in seinem Lifestyle nachzuahmen versucht“, sagt Jakob Schillinger, „das äußert sich insbesondere im Konsumverhalten.“ Und darin sieht der Szeneforscher auch das Problem begründet: Begriffe wie Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung würden einen Raum öffnen, der nur schwer mit Inhalt zu füllen ist. Geldausgeben, um zu verdrängen. Feiern, um zu vergessen. „Das wollte ich problematisieren“, sagt der 27-Jährige.

Vielleicht ist Schillinger diese sachliche Analyse deshalb möglich, weil er die Position des außen stehenden Betrachters einnimmt. Vor fünf Jahren verließ er die schwäbische Provinz und zog nach Berlin, des Studiums wegen. Durch Kommilitonen lernte er das Berliner Nachtleben kennen, besuchte Clubs wie das Rio an der Chausseestraße in Mitte oder das (mittlerweile geschlossene) WMF in der Littenstraße in der Nähe der Jannowitzbrücke. Schillinger betont, dass er sich nicht als Teil der Szene betrachtet, „aber ich bin auch kein Ethnologe, der in Afrika gestrandet ist und Neuland entdeckt hat“. Gerade hat er sein Diplom gemacht, eine Arbeit über die „Politische und ökonomische Dimension von Design“. Zurzeit bereitet er sein Meisterschülerprojekt vor. Darin will sich Schillinger mit der Figur des Clowns auseinandersetzen, als Gegenspieler zur Figur des Schurken. Thematisch ist das von seiner Arbeit über die Mitte-Hipster nicht allzu sehr entfernt.

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