Filmfestival : ''Achtung Berlin'': Von Zombies und Zankäpfeln

„Achtung Berlin“ ist die Leistungsschau der Berliner Filmbranche. Nun startet das Festival zum sechsten Mal.

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Familienbande. In „Mein Vater. Mein Onkel“ muss der in Deutschland aufgewachsene Sinan einem Verwandten in Dubai erklären, warum...

In „Rammbock“ breitet sich an der Spree ein Zombievirus aus. „Eroberung der inneren Freiheit“ zeigt Häftlinge aus Tegel beim Philosophieren. Und in „Frauenzimmer“ erzählen drei Berliner Huren, was es bedeutet, wenn man seinem Beruf auch in fortgeschrittenem Alter noch nachgehen will oder muss.

300 abendfüllende Spielfilme und Dokumentationen werden jedes Jahr in der Stadt produziert. Die besten davon zeigt das Festival „Achtung Berlin“, dies jedenfalls haben sich die Veranstalter selbst zum Ziel gesetzt. „Manche Jahrgänge sind ergiebiger als andere“, sagt Gründer und Leiter Hajo Schäfer. Diesmal war das Angebot so reichhaltig, dass man die Anzahl der langen Wettbewerbsfilme auf 20 erhöht hat.

Ab kommenden Mittwoch geht das Festival in seine sechste Runde. Hajo Schäfers persönlicher Favorit heißt „Saturn returns“, ein Spielfilm des israelischen Regisseurs Lior Shamriz, der die vergangenen vier Jahre an der Universität der Künste studiert hat. Es geht um ein feierfreudiges Pärchen, das sich gemeinsam ins Berliner Nachtleben stürzt und überraschende Begegnungen erlebt, auch mit sich selbst. „Saturn returns“ ist das beste Beispiel dafür, wie die Filmindustrie in dieser Stadt arbeitet, sagt Schäfer. Nämlich: Nicht erst lange auf eine große Produktionsfirma warten, sondern sich einfach Freunde und Bekannte schnappen und loslegen. „Das sieht man dem Ergebnis dann manchmal an“, sagt der Festivalleiter, und das könne man auch bei Lior Shamriz erkennen. Doch gerade „Saturn returns“ sei extrem originell und gewitzt, geradezu überbordend vor Kreativität, so wie die Stadt.

„Achtung Berlin“ will die Leistungsschau der heimischen Filmbranche sein, Standortwerbung im besten Sinne. Deshalb wird das Festival auch mit inzwischen 75 000 Euro vom Medienboard Berlin-Brandenburg gefördert. Bei so viel Unterstützung mag sich Schäfer einen Seitenhieb gegen den Konkurrenz-Standort München nicht verkneifen: „Dort gehen bereits Anwohner mit Trillerpfeifen auf die Straße, um Dreharbeiten zu sabotieren.“ In Berlin kämen eher Leute ans Set, um zu fragen, wann das Ergebnis denn im Kino zu sehen sei.

Rund 11 000 Besucher hat das Festival im vergangenen Jahr gezählt. Damit ist Achtung Berlin nach Berlinale und dem Kurzfilmfest Interfilm das drittgrößte Festival der Stadt. Diesmal hoffen die Macher auf eine weitere Zunahme der Besucherzahlen, 13 000 wären schön, sagt Schäfer, und wenn das Wetter mies werde wie in den vergangenen Jahren, könne eigentlich kaum etwas schiefgehen. Beim Publikum besonders beliebt ist die Reihe „Heimatdokumente“, die vor allem Filme mit reichlich Lokalkolorit zeigt. Zum Beispiel „Der Adel vom Görli“, Volker Meyer-Dabischs Dokumentarfilm über Golfbegeisterte, die im Görlitzer Park in Mülleimer einputten.

Einer der Höhepunkte wird sicher der Auftritt von Gretchen Dutschke. Die Witwe des einstigen Studentenführers Rudi Dutschke wird am kommenden Donnerstagabend eine Installation im Obergeschoss des Babylon eröffnen, die Bilder eines eigenen, nie veröffentlichten Interviews aus dem Jahr 1985 zeigt. Darin spricht Gretchen Dutschke über Erziehung, die Vorteile einer Zweierbeziehung und ihre Einstellung zu Amerika. Die heute 68-Jährige hat lange Zeit mit verschiedenen Wohnsitzen gelebt, die Sommer verbrachte sie in Dänemark, die Winter in den USA, zwischenzeitlich war sie in Vietnam als Englischlehrerin tätig. Seit kurzem lebt sie wieder in Berlin, und es gefällt ihr, sagt Schäfer. Vielleicht wird sie dauerhaft hier bleiben. Bis nächste Woche aber ganz sicher.

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