Hanna Schygulla : Aus ihrem Leben

Hanna Schygulla startet ihr Berlin-Gastspiel. Vielleicht zieht sie ganz her: "Ich bin noch so jung".

Lothar Heinke
Schygulla
Rückkehrerin. Vor 13 Jahren sang sie erstmals in der Bar jeder Vernunft. -Foto: dpa

Hanna Schygulla steht neben ihrem Pianisten Stephan Kanyar auf der Bühne in der Bar jeder Vernunft – klein, ein bisschen verloren, müde. Sie ist um halb vier ins Bett gekommen, bis drei Uhr nachts haben sie mit ihr im Hotel „Bogota“ in der Schlüterstraße gedreht, nun singt sie zwei Lieder und posiert für drei Dutzend Kameras, denn am 1. September beginnt ihr Berlin-Gastspiel mit einem Song-Programm. Was denkt ein Star eigentlich, wenn es blitzt und klickt und die Fotografen rufen: Frau Schygulla, bitte hierher, mehr nach rechts, hey, nach links?

„Zuerst dachte ich: Aua! Da sind bald 90 Prozent schlechte Fotos von dir im Umlauf, von unten im Saal nach oben auf die Bühne gibt’s meistens keine guten Bilder. Aber dann sagte ich mir: Eigentlich schön, dass du immer noch so bekannt und auch begehrt bist, das ist doch wunderbar.“

Vor genau 13 Jahren hatte die Schauspielerin in der „Bar jeglicher Vernunft“, wie sie sagt, mit dem Singen begonnen, das neue Programm heißt „Aus meinem Leben“. Am Anfang steht Joseph Freiherr von Eichendorffs „Es schläft ein Lied in allen Dingen ...“, dann folgen Kinderlieder, chronologisch geht’s weiter durch die Schulzeit mit Fragmenten von „Lustig ist das Zigeunerleben“ bis zum Brunnen vor dem Tore und Brahms’ „Guten Abend, gute Nacht“. Damit soll gesagt sein, „was denn den Kulturboden einer Person meiner Generation ausmacht – deutsche Innigkeit“. Lieder als Phasen eines Abschnitts im Leben, gesungene Gefühle und Gedanken, von „Summertime“ zu „Rock around the clock“, dann beginnt die Au-pair-Zeit in Paris, die Studienzeit in München mit Brecht und Weill, die revolutionäre Hippiezeit mit den Stones, Bob Dylan und schließlich Lateinamerika – am Ende Harry Woods „What a little moonlight can do to you“: „Wenn ich noch einmal von vorne anfangen könnte, würde ich Jazz singen!“

Die Zeit der großen Filme, der Effi Briest, der Maria Braun, der Lili Marleen und der Geschichten um Berlin Alexanderplatz, ist ebenso fern wie unvergessen. „Nun habe ich ein neues Feld aufgemacht – Kurzfilme“, sagt Schygulla, und erzählt von einem Streifen, den Rainer Werner Fassbinder mit ihrer Beteiligung machen wollte, 1975, und da gibt es eine irre Geschichte: Das Protokoll einer schizophrenen Künstlerin in den Ausläufern der surrealen Zeit in Paris, eine Deutsche, die hatte damals die Fantasie, dass sie mit einem wiedervereinigten Berlin niederkommt, sie war schwanger, aber nicht mit einem Kind, sondern mit einer ganzen Stadt. 1975! Fassbinder wollte den Riss durch das Bewusstsein und die Seele zeigen, leider kam es nicht zu dem Film, „damals hab’ ich mir eine Videokamera gekauft und das eigene Wahnsinnsprogramm verfilmt, was ja jeder Mensch hat, wenn er träumt“. Momentan dreht sie mit Michael Blume einen 15-Minuten-Film nach der Thomas-Mann-Erzählung „Der Kleiderschrank“, gefilmt wurde im „Molli“, der Bimmelbahn von Bad Doberan nach Heiligendamm, und im Berliner Hotel Bogota: Hier hat die Fotografin Yve gearbeitet, bis sie deportiert und getötet wurde, und Helmut Newton, der bei ihr in die Lehre ging.

Fernsehdurchschnittsware würde die Schauspielerin nicht machen wollen, eher schon in einem Film wie den über die Familie Mann spielen, „aber mir wird da nichts angeboten“. In Paris, ihrer Wahlheimat, spielt sie in einem Zweiteiler über eine bekannte Familien-Zeitungsdynastie, bei den Ruhrfestspielen wird sie in einem neuen Stück auf der Bühne stehen. Auf die eine Woche Berlin freut sie sich, „weil man spürt, dass diese Stadt ungeheuer viel Zukunft hat, vielleicht mehr als Gegenwart. An manchen Orten hat sich die Einheit gut vermischt, an anderen hat man den Eindruck, da grüßt noch der Genosse Stalin aus der Architektur. Die neue Mitte ist zwar nicht gerade anheimelnd, aber beeindruckend mit großer Kreativität“. Sie könnte sich durchaus vorstellen, hierherzuziehen: „Ich werde erst 65 und fühle mich streckenweise doch sehr jung“. Lothar Heinke

Hanna Schygulla „Aus meinem Leben“, eine musikalische Biografie, bis 6. September, Bar jeder Vernunft, Schaperstraße 24, Wilmersdorf; Karten für 27 Euro unter Telefon: 88 31 582.

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