Stadtleben : Happy Bearday!

Die unglaubliche Karriere von Knut - seit einem halben Jahr verzückt der kleine Eisbär die ganze Welt

Annette Kögel

Berlins Werbeexperten suchen derzeit einen neuen Slogan für die Stadt. „Berlin tut Knut“ – das könnte man zumindest diskutieren. Kein Berliner hat in letzter Zeit weltweit derart Aufsehen erregt wie der kleine Eisbär im Zoo. Am 5. Juni wird das Wappentier in Weiß ein halbes Jahr alt.

Was der Bärenzwerg weltweit bewirken würde, hat niemand erahnt. Dabei war er anfangs gar nicht gewollt, jedenfalls nicht von seiner Mutter Tosca. Sie verstieß ihre beiden Jungen, die Eisbär Lars gezeugt hatte – der erste Eisbären-Nachwuchs im Zoologischen Garten seit 33 Jahren. Knuts Bruder starb, und dass er selbst aber überlebte, ist seinem Pfleger Thomas Dörflein zu verdanken, der den Kleinen anfangs mit Welpenmilch und Lebertran hochpäppelte. Inzwischen muss der 44-jährige Ziehvater nicht mehr im Zoo bei seinem Schützling übernachten – Knut wird langsam entwöhnt.

Noch nuckelt der inzwischen beinahe 30 Kilo schwere Bär an Dörfleins Arm und Fingern, doch spätestens in einem halben Jahr wird das Raubtier einfach zu gefährlich für den Menschen an seiner Seite sein. Wenig später wird Knut dann wohl an einen anderen Zoo abgegeben werden müssen, weil er als Jungbär blutige Revierstreitigkeiten auslösen könnte. Seit seiner Geburt buhlen Zoos aus aller Welt schon um den Eisbären, doch Zoo-Kurator Heiner Klös zufolge ist noch nichts entschieden.

Der Zoo selbst kann die unglaubliche Geschichte von Knut manchmal selbst noch nicht glauben. Medienvertreter von Andorra bis Zaire haben das Bärchen international populär gemacht. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Staatsbesuchen reist, wird sie immer noch auf „Cute Knut“ angesprochen. Die amerikanische Topfotografin Annie Leibovitz lichtete den weißen Star im Zoo ab, gemeinsam mit Leonardo DiCaprio warb er auf dem Titel von „Vanity Fair“ für eine Kampagne gegen den Ausstoß von Treibhausgasen. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel übernahm die Patenschaft für das weiße Knäuel, der nun bei Konferenzen als tierisches Symbol gegen die Klimakatastrophe dient – schließlich schmelzen den 25 000 Artgenossen in Freiheit wegen der globalen Erwärmung die Eisschollen unter den Tatzen weg.

Der Film zum Bären, das Buch zum Bären, das PC-Spiel, das T-Shirt, das Stofftier, die Süßigkeit, die Lieder... es gibt praktisch nichts, was es nicht gibt. Der Zoo konnte sich gar nicht so schnell Markenrechte patentieren lassen, wie alle Welt Merchandising-Artikel herausgab und Internetseiten sicherte. Selbst seriöse Medien und Agenturen überschlugen sich im Knut-Hype mit übertrieben zugespitzten Meldungen, zu angeblichen Tötungsforderungen gegen den kleinen Bären beispielsweise oder die Besucherzahlen im Zoo. Tatsächlich standen seit dem Premierenauftritt Ende März bislang rund 250 000 zusätzliche Gäste am Eingang und vorm Schaugehege Schlange – das bedeutet bislang mehr als eine Million Euro Mehreinnahmen in der Kasse des Zoos. Und die ganze Stadt profitierte von den ungezählten Touristen, die nur wegen Knut nach Berlin reisten.

Bis zu 40 Jahre in menschlicher Obhut stehen dem Tier bevor, dessen Jagdrevier in Freiheit hunderte Kilometer umfasst. Und die harte Trennungsphase vom Pfleger muss bald bewältigt werden, denn sonst, fürchten Zoo-Experten, könnte Knut wegen psychischer Probleme gar zum Problembären werden.

Derzeit geht es ihm aber prächtig. Zum halbjährigen Jubiläum plant der Zoo nichts Besonderes. Vielleicht bekommt Knut ein Extra-Croissant, das mag er neben seinen Rindfleisch-Rationen besonders. Sollten ihm Besucher zu den Show-Zeiten von 11 bis 12 und 14 bis 15 Uhr Spielzeug mitbringen, werde ihm das peu à peu gereicht, sagt Heiner Klös. Derzeit spielt der Bär am liebsten mit einem Ball – und im Wasser.

Mehr zu Knut im Internet:

www.tagesspiegel.de/knut

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