Heimatabend in Kreuzberg : Großes Bauchgefühl

Musik, Kunst und mehr im Kreuzberger Festsaal: Der erste Heimatabend am Samstag hat viel zu bieten in Sachen Berliner Heimatgefühl. Für Pop und Party zuständig sind die selten live zu sehenden DAF, die schon seit 1978 Neue Deutsche Welle, Electropunk und Techno prägten.

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Zu Hause bei dir. Dreimal getrennt und trotzdem seit über 30 Jahren vereint im Electropunk: Gabi Delgado (l.) und Robert Görl sind DAF, Sonnabend zu hören in Kreuzberg.
Zu Hause bei dir. Dreimal getrennt und trotzdem seit über 30 Jahren vereint im Electropunk: Gabi Delgado (l.) und Robert Görl sind...Foto: picture-alliance/ dpa

Das musste ja so kommen. Globalisierung, Raubtierkapitalismus, Religionsverlust, Finanzkrise und allgemeine Orientierungslosigkeit sind schuld: Heimatabend ist nicht länger ein Synonym für Trachtenabende sudetendeutscher Landsmannschaften. Sondern Heimatabend ist jetzt etwas, wo Hipster hingehen, die den Radiosender Motor FM und damit Indiepop, Electro und Punk bevorzugen. Gerade kreative Großstädter in temporären Beziehungs- und Beschäftigungsverhältnissen haben ja viel Geborgenheit, Gemeinschaft und Selbstbestätigung nötig.

Deshalb verkaufen sich sicher auch die Karten für den ersten Heimatabend so gut, der Sonnabend im Festsaal Kreuzberg steigt. Der Musik-, Kunst- und Überraschungsabend soll dieses „stark befrachtete Gefühl unbeschwert feiern“, sagt Markus Kühn von Motor FM. Parallel läuft auf seinem Sender bis dahin eine Heimatwoche, wo sich in Beiträgen, Mitmachaktionen und Talks mit Promis, Alt- und Neu-Berlinern alles ums Berliner Heimatgefühl dreht. Das sei besonders, wie Markus Kühn weiß. Jeder, der herkomme, fühle sich schnell wohl und akzeptiert – einfach, weil man in der Stadt alles machen könne. „Berlin steht für positive Migration und nicht für mangelnde Integration.“

Klar, dass ein Heimatabend für Partypeople keine deutschtümelnd-sentimentale Angelegenheit sein will. Obwohl es Blasmusik gibt und obwohl der Kräuterlikör mit dem Hirschgeweih Sponsor ist. Die Zentralkapelle Berlin ist denn auch ein Orchester zugezogener Musiker, die – nach Jugendjahren in ländlichen Spielmannszügen – in ihrer Wahlheimat Berlin nun ein ziemlich ironisches Blech blasen. Ansonsten ist mit Winson, Ponypop und Remmidemmi ein Pulk Musiker und DJs dabei, die allein durch die Häufigkeit ihrer Nachtlebenauftritte Heimatgefühle wecken. Kalle Kuts und Daniel W. Best von G.I. Disco, erinnern mit ihrem Best-of- AFN-Musikmix (dem Sender der US-Truppen) an die kuschelige Zeit, als Großstädter hier dank der Alliierten noch nicht ganz so allein mit sich waren.

Apropos Deutsch-Amerikanische Freundschaft: DAF kommen auch. Ausgerechnet beim Heimatabend geben Gabi Delgado und Robert Görl, die als Tanz-den-Mussolini-Provokateure früher immer mal wieder in der Teutonenecke verortet worden waren, ein Livekonzert. Seit 1978 haben sie mit ihrer Musik Neue Deutsche Welle, Electropunk und Techno geprägt und trotz einer weltweiten Fangemeinde treten sie nur zehnmal im Jahr auf. Zwar waren sie schon im Juni beim E-Tropolis-Festival in Berlin, aber diesen Abend finde er sinnvoll, sagt Frontmann Gabi Delgado. „Die Menschen haben Sehnsucht nach Heimat.“

Er auch. Vor fünf Jahren ist er nach fast zwanzig Berliner Jahren in seine Geburtsstadt Cordoba zurückgekehrt. Da wohnt der frühere Musikrevolutionär jetzt mit Frau, Katzen, Pferden. „Deutschland und Berlin haben sich für mich erschöpft“, sagt er. Da herrsche ihm zu viel Stagnation, Regulierungswut, kurz „institutionalisierte Blockwartmentalität“. Den Begriff Heimat findet er trotz aller politischen Manipulationen, die damit legitimiert wurden und werden, völlig okay. „Der ist einfach emotional, nicht so politisch wie Vaterland, da muss man nicht gleich wunder was unterstellen.“ Für ihn sei Heimat, wo man vermisst wird, wenn man nicht da ist. Und musikalische Heimat? „Da, wo getanzt wird.“ Spanier will er genauso wenig sein wie Deutscher: „Ich bin Berliner Andalusier.“ Abends bleibt er beim Zappen durch die Satellitenprogramme gelegentlich bei der Abendschau hängen. Heimatgefühl eben.

Festsaal Kreuzberg, Sa. 23 Uhr, 12 Euro

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