Stadtleben : Ins Rollen gebracht

Die „Ostkrone“ in Treptow entwickelt sich zur beliebtesten Skaterbahn der Stadt

Thomas Loy

Kilometerlang pesen, den Fahrtwind auf der Stirn. Auf dem Berliner Skaterhighway, Abfahrt Johannisthal, kann Jan-Hendrik Bierhals richtig gut abschalten. Jetzt ist der 25-Jährige mit der Basketballerfigur Richtung Norden unterwegs, auf schier endlos gerader Piste nach Neukölln, um dort an einer Bar das meditative Dahinrollen mit einem großen Glas Bier zu beschließen.

Neben der richtigen Autobahn nach Schönefeld, der A 113, ist eine zweite entstanden: die „Ostkrone“, nach Expertenmeinung die beste Skaterstrecke Berlins. Bisher galt dieses Prädikat dem Kronprinzessinnenweg parallel zur Avus, kurz „Krone“ genannt. Die Ostkrone ist mit ihren zwölf Kilometern etwas länger als das Pendant im Westen, der Belag ist sauberer und glatter, und vor allem ist nicht so viel Gedränge wie im Grunewald. „Manche Skater sind schon umgezogen“, sagt Lutz Matschall, langjähriger Berliner Skater. Er kennt sich aus in der Szene: Matschall ist Mitorganisator der „Berlin-Parade“, die kommenden Freitagabend mehrere tausend Skater durch die Stadt führen wird. Für die Marathonstrecke trainieren Vereine wie der SCC Charlottenburg seit Wochen – auf der Ostkrone.

Die Strecke liegt auf einem Grünstreifen zwischen Lärmschutzwand und Teltowkanal. Eigentlich ist es der Rettungsweg für die Autobahn, gleichzeitig aber auch eine Teilstrecke des Mauerradweges um das alte West-Berlin. Erlaubt ist hier jede Fortbewegungsart ohne Hilfsmotor. Am Wochenende machen viele Familien einen Radausflug. Weil die Ausbaustrecke im Süden in Adlershof leicht abrupt endet, kehren die meisten Nutzer einfach um und fahren zurück. „Es ist eben etwas abgelegen“, sagt Matschall, aus sportlicher Sicht nur von Vorteil. Die angrenzenden Stadtviertel profitieren dagegen bislang kaum von der neuen Freizeitstrecke.

Die Erholungsradler Maria und Reinhard Held aus Britz schätzen es, dass „keine Berge und Autos“ den Weg versperren. Peter Schönitz, Elektromeister und Marathonläufer, joggt schon seit mehr als zwei Stunden durch die Stadt. Sein Dreiliter-Wasservorrat im Rucksack ist fast aufgebraucht. Die Zwölf-Kilometer-Distanz auf der Skaterstrecke ist für ihn nur eine Etappe, aber eine der angenehmeren. Doris Kuschke, Sachkunde-Lehrerin, ist zum ersten Mal hier und stört sich etwas am Rauschen der Autobahn nebenan. Sie fühlt sich wie auf einer Rennbahn für Radler – „das ist nicht so mein Stil.“ Eher was für ihre Schüler.

Über größere Unfälle auf der Strecke ist bisher nichts bekannt. Peter Schönitz weiß, dass gelegentlich Walker und Skater im toten Winkel hinter Brückenpfosten aneinander geraten. Matschall plädiert dafür, das Rechtsfahrgebot einzuhalten, und bittet Fußgänger und Radfahrer, nicht die ganze Fahrbahnbreite einzunehmen. Profiskater fahren bis zu 30 Stundenkilometer schnell, oft in Zügen von fünf bis acht Leuten. Da ist schnelles Bremsen eine Kür, die nicht immer funktioniert.

Die Skater haben sich schon offiziell bei Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) für die Strecke bedankt. Bis Ende des Jahres sollen weitere 3,5 Kilometer im Süden „in gleicher Qualität“ ausgebaut werden, verspricht Heribert Guggenthaler, Radverkehrsexperte der Senatsverwaltung. Dann gibt es eine durchgängige Strecke vom Britzer Verbindungskanal bis zur Waltersdorfer Chaussee. Kurz vor dem Ziel muss allerdings eine Straße gequert werden.

Für Jan-Hendrik Bierhals hat das Skaten am Teltowkanal auch einen historischen Reiz. Er ist im Grenzgebiet am westlichen Kanalufer aufgewachsen. Damals lagen auf der anderen Uferseite Mauer und Todesstreifen. Mit seinen Freunden hat er Golfbälle über das Wasser geschlagen, um die Ost-Berliner Grenzposten zu ärgern. Thomas Loy

Die Berlin-Parade der Skater startet am nächsten Freitag um 20 Uhr auf der Straße des 17. Juni. Weitere Infos unter www.berlinparade.de.

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