Interview : Heike Makatsch: "Mitte hat schon etwas Dorfiges"

Schauspielerin Heike Makatsch hat zusammen mit ihrem Freund, dem Tomte-Schlagzeuger Max Schröder eine Kinderlieder-CD aufgenommen. Mit Tagesspiegel.de sprach sie über ignorante Mitte-Bewohner, die Faszination des Gruseligen und den Masterplan fürs Leben.

Interview: Sylvia Vogt
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Heike Makatsch.Foto: dpa

Ein grauer Tag im Dezember, es ist nichts los im Weinbergspark, nur ein Hund jagt einem Ball hinterher. Das Café Nolas liegt im Winterschlaf. Heike Makatsch kommt angeschlendert durch den Nieselregen, sie wohnt gleich um die Ecke, zusammen mit ihrem Freund, dem Tomte-Schlagzeuger Max Schröder, und den beiden Töchtern. Ganz entspannt sieht sie aus, keine Spur ist zu sehen von schlaflosen Nächten, obwohl ihre zweite Tochter erst ein paar Wochen alt ist. Makatsch sucht einen kleinen Tisch am Fenster aus und bestellt einen Earl Grey.

Frau Makatsch, die Gegend hier um den Weinbergspark ruft bei vielen Abwehrreflexe hervor – es gibt ja das Klischee der Mitte-Mütter, mit den Bugaboo-Kinderwagen, Babyboutiquen und Kindercappuccinos. Nervt Sie das?

Ich kann schon verstehen, dass das auf manche abstoßend wirkt. Man sieht eine homogene Masse von gleichaltrigen, gleich situierten, gleich geschmäcklerischen Menschen, die meinen, außer ihrer Welt gäbe es keine andere. Die leben in einer Realitätsblase, die sie für die Wirklichkeit halten. Das ist natürlich ignorant und kann auch unangenehm sein. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass genau hier ein Familienleben möglich ist, das Spaß macht.

Warum?

Man hat ein sicheres Gefühl für die Kinder, es gibt den Park mit tollen Spielplätzen, überall sind Cafés. Man kann hier Kinder haben, ohne vom Leben ausgeschlossen zu sein. Aber es ist ein privilegiertes Pflaster, und das darf man auch nicht aus den Augen verlieren. Viele Menschen, die früher im Kiez gewohnt haben, sind rausgedrängt worden. Das ist die Kehrseite.

Keine Sehnsucht, ins Grüne zu ziehen, mit Häuschen und Garten?

Nein, der Weinbergspark ist super. Ich sage im Spaß manchmal zu meiner Tochter: ‚Guck mal, das ist unser Garten! Aber wir lassen auch andere rein. Wir sind ja nicht so.’

Vor gar nicht langer Zeit hatte der Park noch einen ganz anderen Ruf.

Und jetzt ist er der Studenten-Rucksacktouristen-Model-Park, wo die jungen Leute sitzen, zeichnen, sich unterhalten und Zigarettchen rauchen. Das ist so lebensfroh. Ich mag das.

Sie haben mal von einem Leben in einer Kommune geträumt.

Das ist jetzt wirklich schon eine Weile her, aber eigentlich ist das immer noch ein Traum von mir. Ich habe aber das Gefühl, dass ich momentan so wie ich wohne, gar nicht weit davon entfernt bin. In unserem Haus gibt es viele Kinder im gleichen Alter, die spielen miteinander und können die Treppen hoch und runter rennen und in die verschiedenen Wohnungen schlüpfen. Und die Gegend hier, das hat schon etwas Dorfiges.

Gibt es bei Ihnen zu Hause Diskussionen darüber, wer sich um die Kinder kümmert?

Das ist bei uns zum Glück nie ein Thema. Es gibt viel zu diskutieren – aber darüber nicht. Das war schon immer ganz gleichberechtigt.

Vielen Berliner Eltern macht spätestens die Frage, auf welche Schule sie ihr Kind schicken sollen, große Sorgen. Kennen Sie diese Befürchtungen auch?

Ja, natürlich. Meine Mutter ist Grundschullehrerin in Berlin, und von daher kenne ich die Sorgen. Wenn man erlebt, dass immer mehr gekürzt wird, Ausfallstunden zunehmen und wie den Lehrern die Hände gebunden sind, überhaupt fruchtbar mit den Kindern zu arbeiten, da könnte man schon verzweifeln. Die meisten Eltern würden ihre Kinder doch am liebsten auf Privatschulen schicken, wenn sie es sich leisten könnten. Aber das ist dann auch wieder so ein Eliteklüngel.

Mit Ihrem Freund Max Schröder haben Sie jetzt eine Platte mit Kinderliedern aufgenommen. Ist das eine gute Idee, mit dem Lebenspartner zusammenzuarbeiten?

(lacht) Ich glaube, er entdeckt da eine schwierige Seite an mir, wenn ich bei der Arbeit mit mir hadere. Aber es hat auch großen Spaß gemacht. Und unserer Tochter auch. Sie kann alle Lieder auswendig.

Welches mag sie am liebsten?

Der Kuckuck und der Esel, das ist schon schmissig.

Auf der Platte singen Sie traditionelle Kinderlieder, die als Indie-Popstücke arrangiert sind. Sind Sie Rolf-Zuckowski-geschädigt?

Bei uns zu Hause laufen noch gar nicht so viele Kinderlieder, wir singen lieber selbst mit der Gitarre - „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ und solche Sachen.

Haben Sie bei der Auswahl der Lieder darauf geachtet, dass sie kindgerecht sind?

Wir haben einfach die Lieder ausgewählt, die in uns etwas ausgelöst haben. Die kannte ich ja alle noch aus meiner eigenen Kindheit. Mein Vater hat sie mit mir gesungen und Gitarre dazu gespielt. Einige unserer Lieder handeln auch von Erwachsenenthemen. Bei dem Lied „Wenn ich ein Vöglein wär“ gibt es die Verse: „Zu jeder Stunde in der Nacht, hab ich an dich gedacht“. Das ist schon lustig, wenn da eine Dreijährige lauthals mitsingt.

Aber Gruseliges ist nicht dabei. Dabei geht es ja in anderen Kinderliedern ganz schön drastisch zu, da werden Füchse geschossen und Mäusen wird das Fell abgezogen.

Ich glaube aber nicht, dass Kinder solche Lieder nicht hören sollten. Die haben oft sogar eine absolute Faszination bei Dingen, die ihnen Angst machen.

Wie zum Beispiel Dinosaurier oder der böse Wolf.

Oder der Grüffelo, das Monster aus dem Wald, das sind doch die Renner. Ich glaube, Kinder wollen das auch aushalten und sie bekommen so auch eine Ahnung, dass es neben ihrer heilen Welt noch etwas anderes gibt. Und dass Tiere getötet werden - ich frage mich auch manchmal, wenn Wurst auf dem Teller liegt, soll ich dann sagen: Das ist jetzt übrigens das Schweinchen? Aber früher auf dem Bauernhof wurden die Tiere auch vor den Augen der Kinder geschlachtet. Das ist bestimmt dramatisch für ein Kind, aber ohne Traumata kommen wir sowieso nicht aus.

Gibt es bald wieder eine gemeinsame Platte?

Wir haben ja schon öfter zusammen Musik gemacht, das kann ich mir schon vorstellen. Jetzt gerade haben wir ein Weihnachtslied zusammen aufgenommen. Diese Art von Kreativität ist bei uns zu Hause immer um die Ecke. Aber eigentlich sehe ich mich nicht als Musikerin. Ich singe sehr gern, aber es gibt viele, die das besser können als ich.

Es sieht so aus, als ob bei Ihnen alles rund laufen würde. Im März kam der Film „Hilde“ heraus, im November der Thriller „Die Tür“, in dem Sie an der Seite von Mads Mikkelsen spielen.

Das waren doch nur drei Drehtage. In der Filmwelt plustern sich viele Dinge so auf. Eigentlich habe ich ein ganzes Jahr nicht gearbeitet. Das ist natürlich für mich auch ein Kreativstau. Aber im Frühjahr fange ich wieder an.

Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?

Man schiebt Sachen an, macht mal ein Hörbuch hier oder ein kleines Projekt da. Aber ich kann auch gut Zeit mit mir verbringen oder mit meiner Familie.

Haben Sie manchmal Angst, dass das Glück auch flüchtig sein könnte?

Ich kann mich ganz gut adaptieren und weiß, dass es immer wieder Phasen der Neuorientierung gibt. Ich musste ja auch erstmal schauen, wie das mit dem zweiten Kind klappt, ob es ein Kind wird, das mich das auch machen lässt. Ich taste mich immer wieder neu ran, und freue mich, wenn der nächste Schritt sich einfügt. Da gibt es keinen Masterplan.

Die CD "Die schönsten Kinderlieder aus dem großen Diogenes Liederbuch" von Heike Makatsch & derhundmarie (Max Schröder) ist bei Diogenes erschienen. Das Booklet enthält alle Liedtexte und Zeichnungen von Tomi Ungerer.

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