Judy Winter : Leben mit der Diva

Sie macht’s noch mal: Judy Winter kehrt für sieben Abende als Marlene Dietrich zurück auf die Bühne.

Udo Badelt
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Zugabe. Eigentlich hatte Judy Winter die Rolle schon abgelegt. F.: Barbara Volkmer/Promo

Schon dieses Haus: großbürgerliches Berlin, am Kaiserdamm, mit Gitteraufzug und Portiersloge im Pariser Stil, in der allerdings schon lange kein Concierge mehr sitzt. Trotzdem ist die Vergangenheit noch ganz anwesend. Eine Tafel erinnert an Alfred Döblin, der hier Anfang der 30er Jahre praktiziert hat. Man fragt sich: Wo sonst sollte Judy Winter wohnen, die Schauspielerin, die acht Jahre lang so erfolgreich die Berliner Diva Marlene Dietrich verkörpert hat? Eigentlich hatte sie 2006 mit der Rolle abgeschlossen, wollte nicht wie Romy Schneider auf ewig mit einer Figur identifiziert werden. Doch dann starb Monica Bleibtreu. Zurück blieb eine Lücke, in der Theaterwelt und im Spielplan des Renaissance-Theaters, wo Bleibtreu mit einem anderen Stück hätte auftreten sollen. Und so kehrt Judy Winter noch einmal zurück – für sieben Aufführungen.

„Natürlich ist es ein komisches Gefühl. Aber ich freue mich drauf.“ Kaum dass sie sich auf dem großen Sofa niedergelassen hat, beginnt sie zu erzählen: Ja, es gab den Moment, wo sie überlegt hat, die Marlene nicht wieder zu spielen. Immerhin hat sie inzwischen andere Sachen gemacht, hat zwei CDs herausgebracht und ist mit einem Chanson-Abend aufgetreten. Trotzdem hat sie nicht lange gezögert. Weil sie das Gefühl hat, manchmal zu hart mit der Dietrich gewesen zu sein, und weil sie manches korrigieren möchte. Hundertmal hat sie das Stück in den letzten Wochen gelesen, um wieder in den richtigen Rhythmus zu kommen. Offenbar mit Erfolg: „Ich hatte Marlene abgelegt. Jetzt habe ich sie wiedergefunden.“

Sie musste sie schon einmal finden. 1998 wusste sie nicht viel von der Dietrich, hatte nur die Filme „Zeugin der Anklage“ und „Das Urteil von Nürnberg“ gesehen. Wie schafft man es trotzdem, sich so restlos in einen anderen Charakter zu versenken? Alles nur eine Frage der Konzentration, sagt sie. Sie hat alles aufgesogen, was sie finden konnte: Filme, CDs, Biografien. „Ich habe praktisch wochenlang mit ihr geschlafen.“ Das Stück von Pam Gems wurde in der deutschen Bearbeitung von Volker Kühn und der Regie von Dietmar Pflegerl ein riesiger Erfolg. Von einer Versöhnung der Berliner mit ihrer verlorenen Tochter war die Rede. Judy Winter gelang es, wesentliche Züge dieses komplexen Charakters zu erfassen: die Zerbrechlichkeit, die Egomanie, das zickige Preußentum, das trotzige Nicht-Singen-Können. Sie bewundere, sagt sie, Marlene Dietrich für ihre Kraft: „In Amerika haben sie ja nicht auf ein Pummelchen wie sie gewartet.“ Und als die Nazi-Machthaber sie zurücklocken wollten, habe sie sich phänomenal verhalten. In jeder Rolle sei sie perfekt gewesen.

Nach einiger Zeit ist man sich nicht mehr sicher, von wem Judy Winter gerade spricht: von der historischen Marlene Dietrich oder der Figur, die sie auf der Bühne verkörpert. Die Grenzen verschwimmen, wie bei der unscharfen Fotografie, die in ihrem Flur hängt und auf der die Diva in „demütiger Arroganz“, wie es Judy Winter formuliert, nach oben blickt. So schnell wird sie wohl nicht aufhören, mit ihr zu leben.

„Marlene“, heute, 18 Uhr, Renaissance-Theater, Aufführungen bis 21. Juni

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