Kantor mit Pop-Interessen : Alte Kirchenlieder müssen nicht langweilig sein

Michael Schütz ist Kantor in der Charlottenburger Trinitatiskirche. Wenn er in die Tasten greift, können auch Choräle wie "Großer Gott, wir loben Dich" einen Groove bekommen.

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An der Orgel. Kantor Michael Schütz, hier in der Charlottenburger Trinitatiskirche, verbindet gern traditionelle mit modernen...

Der Arbeitsplatz von Michael Schütz liegt hoch über dem Kirchenschiff der Charlottenburger Trinitatiskirche. Wenn unten die Menschen Gottesdienst feiern, sitzt er am Spieltisch der großen Orgel. Der 47-jährige gebürtige Schwabe ist seit Anfang März Kirchenmusiker der Trinitatisgemeinde. Greift er in die Tasten der Königin der Instrumente, drehen sich die Besucher in den Bankreihen auch schon mal zur Orgel um. Denn es sind ungewohnte Töne, die dann im Gotteshaus erklingen: Choräle wie „Großer Gott, wir loben Dich“ unterlegt Michael Schütz gerne mit einem Groove, und wenn die Gemeinde am Altar das Abendmahl feiert, erklingen Jazzakkorde.

Als Kantor hat Michael Schütz nur eine halbe Stelle. Die andere Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt er als Dozent für Popularmusik an der Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen. Davor war er als Keyboarder in der SWR Bigband aktiv, begleitete die „Pe-Werner-Band“ bei Tourneen, konzertierte mit Xavier Naidoo, Jennifer Rush und den Temptations. „Ich habe Kirchenmusik studiert“, sagt Schütz. „Aber mich hat schon immer auch die Popularmusik interessiert.“ Alte Kirchenlieder müssen nicht langweilig sein, davon ist der Musiker überzeugt. Im Internetportal YouTube hat er eine Vertonung von Johann Sebastian Bachs Choral „Ich steh an Deiner Krippen hier“ eingestellt – unterlegt mit Samba-Rhythmen. Und im Konfirmandengottesdienst klingt dann manche alte Melodie wie eine Popballade von Mariah Carey.

Das Engagement als Kirchenmusiker in der Gemeinde ist für Michael Schütz auch ein kleiner Neuanfang. Denn neben dem Unterricht in Tübingen hatte er jede Menge Angebote für lukrative Auftritte. Sogar für die Fernsehwerbung sollte er Kompositionen liefern. Doch Michael Schütz empfand das zunehmend als Zwang. „Mit jeder Absage riskiert ein Musiker, nicht mehr gebucht zu werden“, sagt der neue Kantor. „Mir stellte sich irgendwann die Frage: Will ich Musik machen oder funktional sein?“ Da passte es gut, dass seine Frau, die ebenfalls Kirchenmusikerin ist, eine Stelle im Kirchenkreis Potsdam antrat. „Als ich meine Frau Christina kennengelernt habe, lebte sie in Berlin, und wir wollten immer hierher zurück“, sagt Schütz. „Sie stammt aus Charlottenburg – und wir haben von der Trinitatiskirche als Arbeitsplatz geträumt.“

Nun ist es Michael Schütz, der in dem Gotteshaus am Karl-August-Platz den Sonntagsgottesdienst begleitet und die Mittagsandachten während des Wochenmarktes. Besonders am Herzen liegt dem Kantor auch die Zusammenarbeit mit Posaunenchören. Schon oft hat Schütz Musikstücke für diesen typisch evangelischen Klangkörper arrangiert, und zu seinen Bläserseminaren, wie etwa beim Ökumenischen Kirchentag im Mai in München, kommen schon mal über 1000 Teilnehmer. „Das Schöne daran ist, dass die Bläser wirklich musizieren wollen, und alles, was man ihnen vermittelt, begierig in sich hineinsaugen“, sagt Michael Schütz. „Da macht dann die Zusammenarbeit einfach Spaß.“ Benjamin Lassiwe

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