Karriere : Vom S-Bahner zum Teehändler und Veranstalter

Der Berliner Michael Röblitz hat einen bewegten Lebenslauf. Zunächst war er Aufsichtsperson am S-Bahnhof, dann Zugführer. Jetzt ist er selbstständig und hat seine Hobbys zum Beruf gemacht.

Christoph Stollowsky
TeeLese
In seiner "TeeLese" verkauft Michael Röblitz jetzt Tee und lädt zu Kulturveranstaltungen. -Foto: Mike Wolff

Der Aufsichtsjob am S-Bahnhof Grunewald war für Michael Röblitz wie geschaffen. „Damals, in den Achtzigern, kamen die Züge nur alle zwanzig Minuten“, erzählt er. Dann rückte der kleine Mann mit dem Kinnbart und den schulterlangen Haaren die rote Kappe zurecht und eilte aus dem Diensthäuschen hinaus auf den Bahnsteig. Danach widmete er sich wieder seinen Leidenschaften: dem Teetrinken und Lesen. Zug um Zug schaffte Röblitz so ein Romankapitel. Das Idyll hielt bis zur Wende. Dann ließ er sich als Zugführer ausbilden und war fortan mit der S 1 unterwegs. Ein Päuschen für die Muse blieb ihm nur noch beim Wenden im Endbahnhof. Bis 2006 hielt er das durch, dann zog er die Bremse, machte sich selbstständig – und hat nun in Kreuzberg ein Refugium für seine zwei Passionen geschaffen: die „Tee-Lese“.

Doch auch hier kommt der 50-Jährige wieder in Fahrt, zum Beispiel, wenn er im Laden an der Großbeerenstraße vor der Wand mit den roten, grünen und königsblauen Teedosen die Unterschiede seiner 180 Sorten erklärt. Dann hört er gar nicht mehr auf, behaglich zu schmunzeln. Mit seiner rundlichen Figur im Strickpullover und in Jeans ähnelt er ein bisschen Lukas, dem Lokomotivführer. Im Zimmer nebenan klimpert ein Gast auf dem Klavier, rundherum füllen dort antiquarische Bücher die Regale. Die Tee-Lese ist zugleich ein Kultur- und Literaturtreff mit Kleinkunstprogramm, Lesungen und Raum zum Schmökern und Entspannen. Michael Röblitz greift in sein Lieblingsregal mit den Berlin-Büchern, blättert in einem Band zur Historie des nahen Kreuzbergs. „Wussten Sie, dass auf dieser Anhöhe bis zur Kaiserzeit mehr als 200 Kühe weideten?“ Dann serviert er, passend zur Lektüre, den selbstgemixten, zart-sahnigen „Milch-Kur-Tee“.

Nun hat er sich also mit Tee und Büchern umgeben – und mit Menschen, die beides mögen. Initiativen und Go-Spieler treffen sich in seiner Teestube, verzichten für die Gemütlichkeit aufs gewohnte Bier, nur trockene Weine gibt’s alternativ zum Blättergetränk. Die Kundschaft wächst, so richtig Muse zum Lesen wie einst auf dem S-Bahnsteig hat Michael Röblitz auch hier schon längst nicht mehr, aber es betrübt ihn nicht. Sein Leben ist selbst zum Abenteuer geworden.

Beispielsweise an den Wochenenden mit Kabarett, Musikveranstaltungen oder Lesungen. Wenn sich die Tee-Lese in ein gemütliches Zimmertheater mit kaum mehr als dreißig Plätzen verwandelt, ist er genauso aufgeregt wie die Sänger, Musiker und Autoren. Die sitzen ihrem Publikum fast auf dem Schoß . „Das ist Kleinkunst im besten Sinne“, schwärmt Röblitz. Noch dazu, wenn sich ein Auftritt zufällig ergibt. Vor kurzem kaufte eine Opernsängerin Darjeeling und verfiel dem Charme des Ortes. Als sie ging, hatte sie einen Gesangsabend mit Geiger für ihren Freundeskreis vereinbart.

Ob Michael Röblitz manchmal den Wind im Führerstand der S-Bahn vermisst? „Anfangs war das toll, mit geöffneter Tür in Richtung Wannsee zu fahren, wenn die Sonne aufging“, erinnert er sich. Aber dann gab’s immer mehr Überstunden, er durfte unterwegs kein Fenster mehr öffnen. Die Tee-Lese ist in seinem Leben ein neuer, angenehmerer Streckenabschnitt. Christoph Stollowsky

Tee-Lese, Großbeerenstraße 56, Telefon: 604012 17, Mo.-Sa., 11-19 Uhr.

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