Kreuzberger Kneipen : In jedem Teufel steckt was Gutes

Sogenannte Absturzkneipen gelten entweder als gefährlich - nur für Säufer - oder als letzter Halt, wenn sonst alles zu hat. Stephen Bench-Capon plädiert für mehr Offenheit gegenüber Lokalen, die die Türen nie schließen.

Stephen Bench-Capon
313601_0_39906d2f.jpg
Der Trinkteufel in Kreuzberg. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wer nach Bestätigung für seine Vorurteile sucht, kann sie leicht finden. Und wer den Ort besucht, vor dem Pete Doherty festgenommen wurde, wird es diesbezüglich auch nicht schwer gemacht. Sobald der englische Rocker irgendwo Mist baut, werden alle Lokale in seiner Nähe damit beschmiert. Rein äußerlich stellt der Trinkteufel in der Adalbertstraße das Klischee einer Absturzkneipe perfekt dar. Doherty "trank Kurze", zitieren Medien, was in einer Kneipe natürlich skandalöses Verhalten ist. Angeblich arbeiten die Gäste dort heftig an der Leberzirrhose und ein paar Meter weiter wird die 24-Stunden-Kneipe Rote Rose implizit als noch schlimmer eingestuft. Ich dagegen suche nicht nur Klischees - und bin trotzdem nicht enttäuscht worden.

Die Berichte zum Trinkteufel betonen gerne die Piercings und Tatoos der Mitarbeiter. Offensichtlich haben die Reporter dort nichts bestellt und konnten zum hervorragenden Service nichts sagen. Als ich einmal an die Theke kam, nahm die Barkeeperin jemandes Bestellung auf. Während sie zapfte, bestellte auch ich. Blitzschnell bekamen der andere Gast und ich die gewünschten Getränke ohne zu viel Schaum und das richtige Wechselgeld. Fabelhaft. Bei der Auswertung von Kundenservice zählen für mich Freundlichkeit und Effizienz mehr als die Frisur.

Der Begriff "Absturzkneipe" ist verachtend. Als ich in der Adalbertstraße wohnte, ging ich gerne für das erste Bier des Abends in die Rote Rose, um in Stimmung zu kommen. Anderswo sitzen die Gäste um 19 Uhr noch nervös rum und blättern unsicher durch die Zitty, während sie in der Rose schon gut drauf sind. Ein solches Volk braucht kein Event. Es amüsiert sich ganz selbstständig.

Gesoffen wird schon. Wer aber nichts als Nachteile an betrunkenen Leuten sieht, kann ruhig den ganzen Abend im Dunkin’ Donuts verbringen. Wenn ich alleine bin, sprechen freundliche Betrunkene mich an oder ich sie. Da habe ich die Wahl, ob ich das Preis-Leistungsverhältnis von Kefir besprechen möchte oder eben nicht. Das ist besser, als in einer "schicken" Bar alleine und ausgegrenzt zu sitzen. Wenn ich mit Freunden da bin, können wir miteinander reden. Ist das zu langweilig, gibt es in der Roten Rose eine Juke-Box. Früher habe ich gerne den Götz-Widmann-Klassiker "Kosmisches Kind" spielen lassen. Darüber freuten sich alle Anwesenden, sie sangen mit und die Stimmung war nicht zu toppen.

Dass die meisten Gäste im Trinkteufel einer gewissen Szene angehören, ist auch nichts Schlimmes. Man muss nicht sofort Linksautonom werden, weil man den Raum betritt. In der Tat gehen Menschen in die Rote Rose, die sich sonst nirgendwo willkommen fühlen. Da braucht man keine bestimmten Schuhe, keinen Hut und keinen Smoking. Man geht so, wie man ist, und genießt die Freiheit. Wenn ich da bin, kann es mir egal sein, dass am Nachbartisch zwei Zweimetertransvestiten sitzen.

Mit der Ausstattung von Totenköpfen und schreienden Geistern an der Wand ist der Trinkteufel eine leichte Beute für Bezeichnungen wie "rau" und "durchgeknallt". Dabei wird die Reihe gepolsterter Kinosessel vor dem Klo übersehen. In keinem anderen Lokal habe ich so gemütlich Schlange gesessen und ich muss kein Punker sein, um Sitzkomfort zu schätzen.

Weder Teufel noch Rose ist eine Cocktailbar mit einer kosmopolitischen Auswahl. Aber mit Bier, Schnaps und Mixgetränken kommt fast jeder zurecht. Und alles zu einem fairen Preis. In der Roten Rose bin ich sogar mal einem Rotweintrinker begegnet, der von der Geschichte des Königshauses von Hannover erzählte. Es steht also mehr als süffiges Gelalle zur Auswahl. Das Sortiment im Trinkteufel ist auch nicht übel. Ein Freund von mir war angenehm überrascht, als er sein Bulmer’s Cider zu trinken bekam: gekühlt und im Glas.

Diese Kneipen sind also nicht nur zum Abstürzen da. Ich bin nie angepöbelt worden, sondern immer freundlich angesprochen. Wer seine Schüchternheit zu Hause lässt, kann einen schönen Abend oder auch Nach- oder Vormittag dort verbringen. Götz Widmann hat Recht. Ich lebe nicht, um mich nach Mode-Regeln anzuziehen und 3,40 Euro für ein Bier zu zahlen: "Ich bin ein Kind des Universums, ich bin geboren um frei zu sein." Und das bin ich in der Adalbertstraße.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben