Stadtleben : Küss mich, bitte bitte küss mich

Zum 100. Geburtstag erscheint ein Buch über Erfolgskomponist Hans Carste

Eva Kalwa

„Carste? Kenne ich nicht!“ ist eine häufige Antwort auf die Frage nach Hans Carste. Dann allerdings braucht man nur die sechs Fanfarenstöße der „Tagesschau“ anstimmen, und plötzlich heißt es: „Ach, der war das?“ Ja, „det warste, Hans Carste!“, wie ein Freund des Berliner Komponisten und Dirigenten einst dichtete. Heute wäre Carste, der seit 1949 auch Abteilungsleiter für Unterhaltungs- und Tanzmusik beim RIAS Berlin war, 100 Jahre alt geworden.

Pünktlich zu diesem Datum erscheint das Buch „Ja, der Kurfürstendamm kann erzählen - Unterhaltungsmusik in Berlin in Zeiten des Kalten Krieges“ im Siebenhaar-Verlag Berlin (24,80 Euro). Es wurde von dem Musikwissenschaftler Martin Lücke geschrieben und setzt „die leichte Musik, die man nicht ernst genug nehmen kann“, (Carste) in eine Traditionslinie mit Paul Linckes „Berliner Operette“ und der Musik der "Goldenen Zwanziger". Das Buch berichtet, ergänzt von Fotos, Dokumenten und einer CD, über Carstes Leben und Werk, die Anfänge des RIAS und über viele Vertreter der U-Musik im Nachkriegs-Berlin. Darunter Werner Müller, Leiter des RIAS-Tanzorchesters, Komponist Gerhard Froboess und Schlagersänger Bully Buhlan. „Diese Musik sollte wieder Lebensmut machen nach dem Krieg“, sagt Grit Carste-Glombitza, die Witwe des 1971 verstorbenen Komponisten. Schon als junges Mädchen hatte sie Carstes Erfolgsmelodien wie „Sie will nicht Blumen und nicht Schokolade“ gelauscht. 1951, mit 14 Jahren, schrieb sie dem 42-jährigen Carste einen glühenden Verehrungsbrief von München nach Berlin, den dieser wohlwollend beantwortete. Über zehn Jahre später trafen sich beide erstmals bei Proben in Berlin - sie als Sängerin, er als Komponist -, heirateten bald darauf und zogen nach Zehlendorf.

Das berühmte, seit 1956 gespielte Intro zur Tagesschau gehört zu den Schlusstakten der „Hammond-Fantasie“, die Carste in seiner sechsjährigen russischen Kriegsgefangenschaft komponierte, von der er sich nie richtig erholt hat. Zwar hatte er sich beim NS-Propagandaministerium angestrengt um seine Freistellung vom Militärdienst ersucht, doch „trotz seiner großen Erfolge und der durch ihn vertonten Propagandalieder“, wie Lücke schreibt, umsonst. Dass Carste seit Mai 1933 Mitglied der NSDAP war, wie es der Journalist Ernst Klee für sein 2007 erschienenes „Kulturlexikon zum Dritten Reich“ recherchierte, hat der Komponist zu Lebzeiten selbst nie thematisiert. Und auch das neue Buch fliegt über so manches flink hinweg. Denn auch ein Lied wie „Kamerad, nun heißt’s marschieren, ins Feindesland hinein“ floss einst aus Carstes Feder. Es gehört genauso zu seiner künstlerischen Biografie wie die Operette „Lump mit Herz“ von 1952 und sein Schlagererfolg von 1937: „Küss mich, bitte, bitte küss mich“. Eva Kalwa

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