Margrit Hilmer : Abschied vom Dom

Sie fand immer, Berlins Vorzeigekirche sollte offen sein für jedermann: Domkuratorin Margrit Hilmer war die Frau fürs Populäre Nach 14 Jahren wechselt die Managerin mit einem Händchen für generöse Spender in den Ruhestand – ein Ausstieg mit Misstönen.

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Ihr Job war es, den Betrieb von Berlins Vorzeigekirche zu sichern, Geld heranzuholen, das in keinem Haushalt stand: mit Bettelbriefen, mit Überredungskunst, mit ihrem guten Draht zu Sponsoren. Margrit Hilmer, die Frau mit dem Händchen fürs Management. Ihre Position gibt es nun nicht mehr in der Domverwaltung, abgeschafft. Den Bereich verwaltet ein Geschäftsführer. „Frau Hilmer ist die erste und einzige Domkuratorin, die der Dom hatte und hat“, befindet ihre frühere Vorgesetzte, die Vorsitzende des Domkirchenkollegiums Irmgard Schwaetzer.

Das klingt, als sei das Amt des Domkurators nur für Margrit Hilmer geschaffen worden, und irgendwie stimmt das auch. 1996, als die „Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin“ noch kein Publikumsmagnet war, sondern für die unierte Evangelische Kirche vor allem ein finanzieller Problemfall, suchte man einen Verwalter: damit das Haus auch neben den fünf Euro Eintritt für Besucher Geld einspielt, damit sich Geldgeber und Finanzierungsmöglichkeiten finden für die Restaurierung eines ständig bröckelnden Denkmals. Margrit Hilmer, 1983 aus Gründen der Familienzusammenführung in den Westteil Berlins gewechselt, immer kirchlich engagiert, aber eigentlich ganz weltlich Leiterin eines Architekturbüros, bekam den Job – und machte ihn zu ihrer Profession. Ihr früherer Chef Wilhelm Hüffmeier, lange Vorsitzender des Domverwaltungsrates, sagt: „Die Frau kann sich Respekt verschaffen, kann Mitarbeiter führen. Sie hat es verstanden, den Domverwaltungsrat zu motivieren. Und ihre Kontakte zur Öffentlichkeit waren weit besser als meine.“ Monika Thiemen, Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf schreibt, Margrit Hilmer habe den Berliner Dom „bis heute als Veranstaltungsort belebt und zu einem florierenden kulturellen Zentrum ausgebaut“. Thiemen begeistern Hilmers Engagement, ihre Fantasie, die innovativen Ideen und „ein hohes Maß an Flexibilität“.

„Ich brauche jeden Tag 11 000 Euro, um die Kosten zu decken“, hat die Domkuratorin vor zwei Jahren vorgerechnet. Das schaffte sie zum Beispiel mit Eintrittsgeldern für die Hohenzollerngruft, mit Lesungen plus Abendmusik im kaiserlichen Treppenhaus, mit Konzerten vor dem Dom, mit Diners nach historischem Vorbild im Seitenflügel der Kirche. Sie öffnete Berlins Vorzeigekirche für die Lange Nacht der Museen. Alles populäre Veranstaltungen in einem Haus, das die 2001 installierte Domordnung als kulturelles Zentrum definiert, in dem nichts geschehen soll, „das im Widerspruch zum kirchlichen Charakter des Gebäudes steht“. Margrit Hilmers Job war eine Gratwanderung. Die innovativen Ideen waren nicht unumstritten, dem vorgesetzten Domkirchenkollegium hat so viel populäres Programm nicht immer gefallen. Hilmer musste in den letzten Jahren mit Beschränkungen zurechtkommen. Die Gratwanderung wurde 2009 von ihrer Vorgesetzten beendet. Hilmers Veranstaltungen für jedermann werden so nicht fortgeführt.

Man kann nicht sagen, die Amtszeit der Kuratorin habe in Harmonie geendet. Im Oktober 2008 wurde Margrit Hilmer gebeten, in die Geschäftsführung einer zu gründenden Domstiftung zu wechseln. Eine Woche später sollte ihr Büro geräumt sein, schon zwei Tage nach dem Gespräch war sie in der Dom-Agenda nicht mehr namentlich aufgeführt. Die Arbeit für die Stiftung kam nicht in Gang, die finanzielle und personelle Ausstattung, sagt Hilmer, hätten nicht gestimmt. Die Macherin war ausgebremst. Der Stil hat ihr zu schaffen gemacht. Die Managerin klappte zusammen: Hörsturz. Nach der Rekonvaleszenz und dem Versuch, wieder zu arbeiten, ein zweiter Zusammenbruch: Verdacht auf Schlaganfall. Die letzten Monate bis zu ihrem Ausscheiden war Margrit Hilmer im Krankenstand, sie kämpft bis heute um ihre Gesundheit. Unterkriegen lassen will sie sich nicht. Zur Entspannung hat sie das Stricken gelernt, und sie strickt an künftigen Herausforderungen, die ihr ihre Ehrenämter bieten könnten: bei den Lions, bei sozial und politisch engagierten Vereinen, im Freundeskreis des Rundfunk-Sinfonieorchesters. Mit der persönlichen Verletzung versucht sie zurechtzukommen.

Vor dem Eingang zum großen Saal des Roten Rathauses stehen sie an ihrem Abschiedsabend an zur Gratulationscour, die Menschenreihe zieht sich bis vor die Garderobe. Die Gastgeberin lacht glücklich, überwältigt. 500 Einladungen hat sie verschickt, es gab kaum Absagen. „Ich hab’ nicht damit gerechnet, dass so viele kommen“, sagt sie ergriffen. Wie sie sich von den Spendern und Gönnern aus ihrer Amtszeit verabschiedet, ist typisch: Das Adieu im Rathaus bettet sie in ein Konzert zugunsten zweier Vereine, statt Geschenken wird um Spenden gebeten. Das Projekt „Känguru“ hilft jungen Eltern und alleinerziehenden Müttern und Vätern. Das Julius-Stern-Institut kümmert sich um die musikalische Nachwuchsförderung. Bei beiden ist Margrit Hilmer im Vorstand. Junge Talente musizieren für die Gäste. Am Ende kommen 5000 Euro für den guten Zweck zusammen. Staatssekretärin Monika Helbig (SPD), Beauftragte für das bürgerschaftliche Engagement, bescheinigt der Veranstalterin „Qualifikation, Leidenschaft und einen ambitionierten Blick auf gesellschaftliche Veränderungen“. Zu Hilmers letzten Monaten im Beruf sagt sie: „Was ihr passiert ist, finde ich alles nicht so toll. Es wird ihr nicht gerecht, wenn man sie so ziehen lässt.“ Eine offizielle Verabschiedung in den Ruhestand, wie man es hätte erwarten können, findet nicht statt. Hilmer wollte es so. Das Domkirchenkollegium hatte vorgeschlagen, ihr im Gottesdienst den Segen zu spenden oder sie in der Reihe „Dom dankt“, die eigentlich zu Ehren generöser Spender da ist, zu verabschieden. Kein guter Ton, befand Hilmer. Die Reihe, die man für ihre Verabschiedung zweckentfremden wollte, hatte sie als Domkuratorin selber ins Leben gerufen.

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