Martensteins Kolumne : Eine Brücke und das Recht der Jugend

Die Admiralbrücke als basisdemokratische Lösung für ein soziales Problem: Harald Martenstein über Ökologie, Jugend, Arbeitsplätze und weltläufige Atmosphäre sowie das Ruhebedürfnis der Anwohner.

Harald Martenstein
Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

Berlin hat eine neue, weltweit bekannte Attraktion, die Admiralbrücke in Kreuzberg. Auf dieser Brücke versammeln sich, bei gutem Wetter, von nachmittags bis nachts zahlreiche Menschen. Die meisten sind jung. Sie kommen von überall, sie machen Musik, sie hängen ab, es ist halb Mittelmeer, halb Woodstock reloaded. In den umliegenden Läden und Restaurants brummt natürlich das Geschäft. In der „Zeit“ wurde die Admiralbrücke kürzlich, und völlig zu Recht, als einer der reizvollsten Orte Berlins gewürdigt. So etwas gibt es nämlich nur hier, in der besten Stadt. Nebenbei bemerkt entstünden, in den brummenden Geschäften rund um die Brücke, ununterbrochen neue Arbeitsplätze.

Die Brücke hat den rechtlichen Status einer „Spielstraße“, den Autoverkehr behindern steinerne Poller. Die Anziehungskraft der Brücke hängt damit zusammen, dass der Aufenthalt dort nichts kostet, dass dort auch 14- und 15-Jährige feiern dürfen, die in Clubs noch nicht hineindürfen, und dass dort, anders als vor den Clubs, keine Türsteher das Publikum sortieren. Die Admiralbrücke ist die basisdemokratische Lösung für ein soziales Problem, nämlich das Nichtvorhandensein kostenloser, angenehmer und unaggressiver Jugendclubs.

Die Anwohner sind natürlich dagegen. Für die Anwohner ist das lästig. Die Anwohner haben es geschafft, die Bezirksverwaltung auf ihre Seite zu bekommen. Das war sicher nicht besonders schwierig, denn die Jugendlichen haben ja keine Stimme und können keinen Druck ausüben. Deswegen sollen nun die Poller in der Mitte der Brücke abmontiert werden, die Brücke soll keine Spielstraße mehr sein, der Durchgangsverkehr soll wieder rollen und die Party vertreiben.

Dass eine verkehrsberuhigte Zone wieder den Autos und den Abgasen und all diesem Teufelszeug zurückgegeben wird – hat es so etwas in Deutschland überhaupt schon mal gegeben? Und dies ausgerechnet in Kreuzberg, der politischen Hochburg der Grünen! Die Grünen zerstören das neue Woodstock, mithilfe von Autos! In Hamburg hat der rechtsradikale Senator Schill die Obdachlosen vor dem Hauptbahnhof vertreiben wollen, indem er lautstark klassische Musik abspielte, dies war zumindest ökologischer.

Ich finde ja, dass die Argumente Ökologie plus Jugend plus Arbeitsplätze plus weltläufige Atmosphäre schwerer wiegen als das Ruhebedürfnis einiger Anwohner. Sorry, Leute, auch wenn es hart klingt, im Szenekiez herrscht keine Waldesruhe, das Leben ist lauter als der Tod. Weil kein Mensch daran denkt, dass hinter dem Problem ein legitimes Interesse steckt, nämlich das Interesse der Jugend an einem schönen Ort des kostenlosen Herumhängens, wird die Party sowieso einfach weiterziehen, meinetwegen direkt vor das Haus des grünen Bezirksbürgermeisters.

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