Stadtleben : Marzahn und andere Moden

Von Avus bis Yuppies: ein kleines Stadtlexikon

Sebastian Leber

Das Buch hat System. In Falko Hennigs „100 % Berlin“ sind alle Höhepunkte der Stadt alphabetisch aufgelistet. Wer aber etwa das Stichwort „Brandenburger Tor“ sucht, wird beim Buchstaben B nichts finden – stattdessen stößt er auf „Bankenskandal“ oder „Buletten und Bier“. Der Autor hat nämlich eine sehr eigene Vorstellung davon, was man über Berlin wissen sollte und was diese Stadt ausmacht. In kurzen Texten – mit Bildern des Fotografen Harry Schnitger illustriert – entführt Hennig den Leser an Orte, die sonst eher selten beworben werden. Zum Beispiel nach Marzahn, der Bezirk wird gelobt, schon allein wegen seiner „unterdurchschnittlichen Arbeitslosenzahlen“. Man erfährt auch, warum Müllmänner die „Könige von Berlin“ sind, dass Friedrichshain von 1933 bis 1945 „Horst-Wessel-Stadt“ hieß und warum das hiesige Vereinsleben einst eng mit dem organisierten Verbrechen verknüpft war.

Hennig ist langjähriger Lesebühnenautor und zudem für seine schrägen „Themenabende“ bekannt, bei denen er mit geladenen Experten mal über Harald Juhnkes Kindheit, mal über die Muppets- Figur Gonzo philosophiert. Genauso kauzig kommt „100 % Berlin“ daher. Man merkt, dass sich hier einer für neuere Trends und Subkulturen interessiert: Stichworte sind etwa „Urbane Penner“ und „Digitale Boheme“, unter H wie „Hip“ werden die Kneipe Konrad Tönz und der Radiosender Motor FM gepriesen. Man liest auch Sätze wie: „In Berlin sind Drogen der Normalfall.“

Manchmal wird zu viel versprochen, etwa beim Stichwort „Promi-Treffs“. Da hat der Autor nur die Paris Bar und Geschichten von früher zu bieten. Schnarch. Das Brandenburger Tor findet sich übrigens doch im Buch. Aber weit hinten unter „Quadriga“. Und man erfährt, dass Siegesgöttin Victoria der RBB-Moderatorin Tatjana Jury verblüffend ähnlich sehen soll. Sebastian Leber



— Falko Hennig/ Harry Schnitger:
100% Berlin. Knesebeck-Verlag, München. 128 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 14,95 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben