Max Liebermann : Wiedersehen in Wannsee

Eine Ehre, kein Vergnügen – so sah Martha Liebermann ihre Ehe mit Max. Zur Vernissage einer Ausstellung über sie kam auch die Urenkelin.

Andreas Conrad

Wieder einmal waren Journalisten zu Max Liebermann an den Wannsee gekommen, diesmal zum 85. Geburtstag. Seine Martha konnte es nicht leiden, wenn man sie fotografierte, das wusste er. Und ausgerechnet die Presseleute bat er, sie sollten auch von ihr eine Aufnahme machen. Eine Neckerei unter Eheleuten – fotografisch ein voller Erfolg: Gerade noch hatte sie Zeitung gelesen, da sprang sie entsetzt auf, fast rutschte die Brille von der Nase, während er kichernd daneben stand.

Eine hübsche, Liebermanns Eheleben charakterisierende Anekdote, nachzulesen im Katalog der gestern in der Villa des Malers, Ort der Episode, eröffneten Ausstellung über Martha Liebermann. Und zugleich eine harmlos-komische Veranschaulichung dessen, was sie wohl auch meinte, als sie ihm 1924 sagte: „Weißt du, Max, es war zwar eine Ehre, aber kein Vergnügen, mit dir verheiratet zu sein.“

So dürfte sie es auch allenfalls als Ehre angesehen haben, ihm als Modell gedient zu haben, Spaß hat es ihr nicht gemacht. Liebermann und Wannsee – da denkt man zuerst an den wieder und wieder gemalten Garten. Aber ebenso war Martha beständiges Motiv, und oft entstanden die Porträts draußen im Sommerhaus. Meist schläft, ruht sie, spielt mit der Tochter, der Enkelin, mütterlich, fast matronenhaft – kein klassisches Posieren, mehr nebenbei oder gar, wenn sie es nicht merkte.

Werke und Dokumente von 18 Leihgebern hat die Liebermann-Gesellschaft in der von ihr 2002 übernommenen Villa versammelt, aus Deutschland, Schweden, Israel, der Schweiz und den USA. Martha in den Augen des Künstlers Liebermann ist nur ein Teil der biografischen Schau, der ersten großen Themenausstellung an diesem Ort. Zur Eröffnung war eigens Liebermanns Urenkelin Katherine Whild aus den USA gekommen, Künstlerin auch sie. Neben der Rolle Marthas als Motivgeberin ihres Mannes wird ihre Biografie präsentiert. Sie war eine geborene Marckwald, aus einer mit Liebermanns Eltern befreundeten jüdischen Familie. Als ihr Vater starb, wurde Max’ Vater ihr Vormund, die Hochzeit 1884 war also der Höhepunkt einer langsam sich entwickelnden Beziehung.

Der dritte Schwerpunkt der Ausstellung sind ihr Leiden und Tod in der NS-Zeit – mit zwei Bildern des schwedischen Malers Anders Zorn als Schlüsselwerken, Einzelporträts von Martha und Max Liebermann, die bei ihrer gescheiterten Flucht aus Deutschland eine besondere Rolle spielten und seit 1942 erstmals wieder in Berlin zu sehen sind, Anlass für Schwedens Botschafterin Ruth Jacoby, ebenfalls bei der Eröffnung dabei zu sein.

Die Gemälde hatte der mit den Liebermanns befreundete, damals in Deutschland sehr bekannte Anders Zorn 1896 geschaffen, Marthas Porträt entstand in Liebermanns Berliner Stadthaus am Pariser Platz. Nach dem Tod ihres Mannes 1935 hatte sie, anders als die Tochter, es für sich ausgeschlossen, die Heimat zu verlassen. Erst 1941, angesichts der immer brutaleren Verfolgung der Juden, wandte sie sich an Zorns Witwe mit der Bitte, ihr bei der Ausreise zu helfen – Auslöser vielfältiger, gleichwohl erfolgloser Aktivitäten, Martha Liebermann zu retten. Schweden war zwar bereit, sie aufzunehmen, unlösbar war es aber, die von den NS-Behörden geforderte „Reichsfluchtsteuer“ von 50 000 Schweizer Franken aufzutreiben.

Die Bemühungen gipfelten darin, dass der mit Martha Liebermann befreundete baltische Baron Edgar von Uexküll die Porträts aus ihrer Wohnung in der Graf-Spree-Straße in Tiergarten (heute Hiroshimastraße) im Wäschesack nach Schweden schmuggelte – bei der Einschiffung in Warnemünde wegen eines Fliegeralarms kaum kontrolliert. Dort bekam er für die Bilder aber nicht mal ein Drittel des Lösegeldbetrags, das er ans Berliner Reichswirtschaftsministerium überwies.

Martha Liebermann rettete das nicht mehr. Am 5. März 1943 wurde sie morgens abgeholt, um deportiert zu werden. Am Vortag hatte sie einen letzten, in der Ausstellung ebenfalls gezeigten Brief an den Bankkaufmann Erich Alenfeld geschrieben, einen der letzten Menschen, die ihr noch beistanden. Als die NS-Schergen kamen, lag sie schon im Koma. Sie hatte Gift genommen, am 10. März 1943 starb sie. Das gezahlte Lösegeld wurde nach Verhandlungen vom Berliner Ministerium nach Schweden zurücküberwiesen. Andreas Conrad

Liebermann-Villa, Colomierstr. 3 in Wannsee, bis 25. Februar. Pastelle der Urenkelin Katherine Whild sind bis 6. Januar in der Galerie Mutter Fourage, Chausseestraße 15a, in Wannsee, zu sehen.

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