Musik : Bloß kein Gitarrensolo

30 Jahre Punk, 60 Jahre Gerrit Meijer: Die Band PVC im White Trash.

H.P. Daniels

Im Jahr als Elvis starb, wurde in Berlin PVC geboren: Deutschlands erste Punkband. Der Sound war grob und rau, laut und ungestüm. Die Gitarren waren verstimmt, der Gesang ein wildes Bellen. Die Songs kurz und bündig: one-two-three-four ... ratta-ta-ta-tah. Und schon kam der nächste: one-two- three-four, runtergerattert in einem Wahnsinnstempo. Und bloß kein Gitarrensolo zwischendrin: „Gitarrensolos sind doch scheiße!“ Uh, nein, mit so einem langweiligen Mist wie Yes und Genesis, Eagles oder Pink Floyd, mit Hippie-Quark wollten PVC nichts zu tun haben. Sie orientierten sich an den Ramones, den Stooges, den New York Dolls, den Vibrators, The Damned, The Clash. Schnelle kurze Songs, offensiv und direkt. Und bloß kein Gitarrensolo!

Vermutlich hätte auch keiner von ihnen ein halbwegs passables Solo hingekriegt, aber darauf kam es nicht an. Es ging um Energie. Und darum, etwas loszuwerden, etwas rauszuballern. Es ging um Lebensfreude und Kreativität. Ideen und Einfälle. Und das Gefühl, jung zu sein und alles machen zu können, wenn man nur will. Was die Ramones konnten, könnten PVC auch, sagten sie sich. Und bloß keine langen Debatten, keine endlosen unergiebigen Diskussionen wie bei den Hippies oder den Polit-Freaks: man könnte mal, man sollte mal, man müsste mal. Nein, nicht lange fackeln, einfach machen: Knut Schaller, Raymond Ebert, Jürgen Dobroszczyk und Gerrit Meijer gründeten PVC und spielten einfach los. Wild und dilettantisch.

1977, als West-Berlin noch als graue Mauerstadt eine ganz eigene, einzigartige Atmosphäre ausstrahlte, eine grobe Romantik als idealer Nährboden für PVC und ihre Songs: „Wall City Rock“, „Rockin’ Till The Wall Breaks Down“ und ihren größten Underground-Hit „Berlin By Night“. Für ein paar Jahre lieferten PVC den perfekten Soundtrack zum Swutsch auf der wilden Seite der Stadt. Sie belebten mit ihren Konzerten die legendären Auftrittsorte „Kant Kino“, „Punkhouse“, „SO 36“, veröffentlichten etliche Platten.

Irgendwann gingen sie wieder auseinander, um nicht womöglich in einer Routine stecken zu bleiben, gründeten neue Bands. Oder zogen sich ganz aus der öffentlichen Musikszene zurück. Dass Gerrit Meijer, Gitarrist der ersten PVC-Stunde, eine besondere Leidenschaft für klassische Musik entwickelte, widerspricht keineswegs seiner Punk- Haltung: „Eigentlich gibt’s doch nur gute und schlechte Musik. In meinem Plattenregal steht Beethoven unter B und die Sex Pistols unter S!“

Aber dann, nachdem er im Fernsehen eine Dokumentation über sein altes Idol Elvis Presley gesehen hatte, bekam Meijer doch wieder Lust auf die Bühne. Er tat sich mit der jungen Gruppe The Shocks zusammen, und als PVC-Cover-Band nannten sie sich „Gerrit And The R&R Stalinists“. Und weil sie ein Veranstalter als „PVC“ angekündigt hatte und ohnehin der alte Geist von PVC längst wieder da war, beschloss er, die Band beim richtigen Namen zu nennen. Mit Tom Petersen (ex Marquee Moon) am Schlagzeug und Rob Raw (ex Mad Sin) am Bass. Meijer lacht: „Wenn du mit 60 noch mal auf die Bühne willst, dann musst du zusehen, dass du wirklich gut bist, richtig gut!“ Dass Gerrit Meijer als 60-Jähriger inzwischen besser ist denn je, wird er mit PVC am 24. August im „White Trash“ unter Beweis stellen – ab 22 Uhr. H.P. Daniels

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