Ostpro : Messe für Ostwaren: Urst schau

Weihnachtszeit ist Ostpro-Zeit. Die Messe für ostdeutsche Produkte hat ihre Stände in diesem Jahr im Velodrom am S-Bahnhof Landsberger Allee aufgebaut. Und schwelgt in Nostalgie. Dabei ist nicht alles authentisch, was dort angeboten wird.

Bernd Matthies
Ostpro
Die Produkte, die im November schon bei einer Messe in Brandenburg ausgestellt wurden, sind zum Teil auch noch im Handel...Foto: dpa

So zu Herzen gehen kann keine Grüne Woche. Die Menschen fühlen sich zu Hause auf der „Ostpro“ im Velodrom, sie fachsimpeln, erzählen sich Schwänke aus der Vergangenheit, kippen Kurze zur Räucherwurst und schleppen pralle Tüten in Richtung S-Bahn. Irgendetwas muss in den Produkten und den Produzenten stecken, was sich der unmittelbaren Anschauung entzieht, eine Art Beweis, dass die kuscheligen Seiten der DDR nicht gestorben sind.

Oh, nicht, dass die Moderne außen vor bliebe an diesem seltsamen Ausstellungsort unter der Schrägkurve des Velodroms. Die Hallorenkugel, Hochidentifikationsobjekt ostgewendeter Süßschnäbel, ist längst auch mit den Aromen des Klassenfeinds zu haben, als Schwarzwälder Kirsch oder Latte macchiato. Die Ketwurst, gleichermaßen unvergessen, aber trotz des Warnhinweises „fetzt urst!“ weniger vital, wird im fashionablen „Berliner Weizen-Baguette“ serviert, und der Chili-Ketchup aus Thüringen trägt den knalligen Namen „Red Sniper“, den nur böswillige West-Gäste mit „Roter Mauerschütze“ übersetzen würden. Doch die gibt es hier garantiert nicht. Das Publikum ist ganz überwiegend im Rentenalter angelangt und genießt sein Leben auf dem west-östlichen Produkte-Diwan. Enkel, die vermutlich eher am Sonnabend und Sonntag mitkommen werden, dürfen sich auf Leckereien freuen, die neuzeitliche Supermarkt-Optik mit tiefgründiger Nostalgie verbinden, wenn beispielsweise die Schokoladeneier, die Bob, dem Baumeister, gewidmet sind, verblüffend an westliche Ü-Eier erinnern oder die Götterspeise flugs zur „Alfons Zitterspeise“ umgedeutet wird, illustriert mit dem Bild des Kinderbuchhelden Zitterbacke.

Authentizität muss zumindest glaubhaft vorgespiegelt werden: Kommen Damenslips, Stück 2 Euro, ersichtlich nicht aus ostdeutscher Produktion, so hat doch zumindest der Importeur seine Wurzeln im Postleitzahlbereich null anzugeben, ebenso wie jener aus 07907 Plothen, der das feine „Schweizer Bügelwunder“ zeigt. Und beim Lausitzer Glanzbalsam, der alte Treter ebenso wie LCD-Bildschirme wieder zum Leuchten bringt, tut es notfalls auch der herzhafte Ost-Ton in der Stimme des Verkäufers.

Ohnehin ist der Osten ein weites Feld, er hat keine geografischen, sondern Gefühlsgrenzen, die bis an den Berg Ararat reichen, wo der feine Weinbrand reift, nach Moskau, die Stadt der sahnesatten Eiscremes, oder ins nahe Böhmen, die Heimat herzerwärmender Spirituosen. Kanadische Wildäpfel stecken im „Apfel-Liqueur“ der Firma „Aromatique“ im thüringischen Neudietendorf, nun ja, das ist ein Grenzfall. Wer derlei welschen Tand aus ideologischen oder stilistischen Gründen ablehnt, der mag es mit dem für Bergleute scharfgemachten „Grubenfusel Trinkbranntwein Primasprit“ versuchen. Eventuelle Folgen heilt zuverlässig der Proma-Universalkleber, „die neue Kraft aus Dresden“.

Velodrom, Paul-Heyse-Str., Sonnabend und Sonntag 10-18 Uhr, Eintritt 1 Euro

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