Stadtleben : Pferdekuss für Mehdorn

Künstlerverband attackiert den Bahnchef und die Skulptur am Hauptbahnhof: Das Werk sei scheußlich und provinziell – und letztlich eine Kopie

Matthias Oloew

Hartmut Mehdorn wird nachgesagt, einigermaßen sattelfest zu sein. Zumindest, was den Umgang mit Berliner Politikern angeht. Jetzt aber bekommt er es mit Berliner Künstlern zu tun. Sie werfen ihm vor, sich bei der Auswahl der jüngst enthüllten Pferde-Skulptur am Hauptbahnhof vergaloppiert zu haben. Ein Konzern-Sprecher der Deutschen Bahn AG nahm seinen Chef in Schutz und äußerte die Zuversicht, dass auch diese Vorwürfe nicht dazu führen werden, dass der Vorstandschef die Zügel loslassen werde.

Worum geht es? Der Vorsitzende des Berufsverbandes Berliner Bildender Künstler, Herbert Mondry, findet die Skulptur seines Kollegen Jürgen Goertz scheußlich und „von kaum zu überbietender Provinzialität“. Er sieht in einer am Donnerstag verbreiteten Erklärung eine „Misshandlung des öffentlichen Raumes“, die auf jeden Kunstinteressierten „wie ein Schlag ins Gesicht“ wirke. Was Mondry gegen den Bahnchef anreiten lässt: „Es ist in seinen wesentlichen Merkmalen eine Replik der in Heidelberg stehenden Plastik ,S-printing horse‘, die Mehdorn als Chef der Heidelberger Druckmaschinen AG in Auftrag gab.“

Die Bahn reagiert bei diesem Reiterspiel pikiert. Aber Mehdorn sitzt noch obenauf. Über einen Sprecher lässt er ausrichten, dass er den Vorwurf der Provinzialität zurückweise. „Herr Goertz ist ein renommierter Künstler, der in Toronto und Tokio ausgestellt hat.“

Und in Heidelberg. Die verblüffenden Ähnlichkeiten kommentiert der Sprecher so: „Herr Goertz macht Pferde in allen Formen.“ Die Auswahl der Materialien aus Aluminium und Edelstahl gehöre zu seiner Stilrichtung, die ihm eigen sei, „und das sieht sich nunmal ähnlich“. Was aber die beiden Skulpturen vollends unterscheide, sei der Sockel.

Der Sockel? „Ja, der Sockel, damit hat Herr Mehdorn sein politisches Versprechen eingelöst, ein Stück vom alten Lehrter Stadtbahnhof, der einst hier stand, sichtbar zu machen.“ Man muss schon etwas genauer hinsehen, um das zu erkennen. Aber ja, tatsächlich, das Pferd steht auf einem Sockel in dem, wenn man sich Mühe gibt, Mauerreste zu erkennen sind. Das also ist übrig geblieben von dem bei den Berlinern so beliebten Lehrter Stadtbahnhof, dessen Namen sie gerne auch für den Hauptbahnhof behalten hätten, weil sie geschichtsverbunden sind und weil sie sich in einer von Hartmut Mehdorn initiierten Umfrage mehrheitlich dafür ausgesprochen hatten.

Aber das ist ein anderes Thema. Der Bahnchef holt kräftig aus, um beim Gegenschlag den Künstler-Vertreter seinerseits vom Ross zu holen. „Wir hatten einen eingeladenen Wettbewerb veranstaltet, an dem auch ein Berliner teilgenommen hat.“ Wer das war und wie viele Künstler die Bahn um einen Vorschlag gebeten hatte, wollte der Sprecher nicht sagen. Am Ende habe der Vorstand unter Vorsitz von Mehdorn sich für das Werk von Goertz entschieden. Das sei ein normales Verfahren für ein privates Unternehmen, wie die Bahn es sei.

Aber Mondry reitet weiter: Alleiniger Eigentümer der Bahn sei der Bund: „Es ist nicht hinzunehmen, dass ein Kunstauftrag, der letztlich mit öffentlichen Geldern finanziert wird, ohne transparentes Verfahren vergeben werden kann.“

Das Ende ist offen. Vielleicht geht’s Mehdorn ja irgendwann wie Lucky Luke, der am Schluss eines Abenteuers dem Sonnenuntergang entgegenreitet und singt: „I’m a poor lonesome cowboy, and a far away from home.“

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