Stadtleben : Pointen im Problembezirk

In einer Neuköllner Eckkneipe wird jetzt Volkstheater gespielt Die Regisseurin will ein Signal setzen. Die Anwohner sind neugierig

G,a Bartels

Draußen auf der Straße kläffen Hunde. Zwei Männer krakeelen herum. Und ab und zu klopft ein Scherzkeks ans Fenster. Der und die Hunde sind bestimmt Neuköllner, das andere können auch die streitenden Liebhaber Gottlieb und Fritze gewesen sein.

Hier mitten in Rixdorf an der dusteren Ecke Richard- und Braunschweiger Straße wird neuerdings Volkstheater gespielt. „Heimathafen Neukölln“ heißt das lauschige Ladenlokal, das bis Ende November Kunst in den Kiez holt und immer knüppelvoll ist.

Schwupps springt Heinrich aus dem Fenster, damit man ihn nicht beim Poussieren mit Stubenmädel Julchen erwischt. Und durch die Ladentür poltern Gottlieb und Fritze rein. Überhaupt sind die Schauspieler in „Alle fürchten sich – oder: die Hasen in der Hasenheide“ derart am Rumrennen, dass die Dielen samt Klappstühlen und gackerndem Publikum nur so beben.

Die junge Regisseurin Stefanie Aehnelt hat aus der Berliner Posse von 1827 eine Klamotte im modernen Rahmen gemacht. Und neben „Alle fürchten sich“ führt sie ab Freitag noch ein weiteres Stück auf: „Neuköllnisch by nature“ heißt das, morgen Abend gibt es schon mal eine öffentliche Voraufführung.

Warum Stefanie Aehnelt Ladentheater in Neukölln macht? „Ich will ein Signal setzen, den Kiez beleben und Heimatgefühl schaffen“, sagt sie. Fünf Jahre lebte sie gern in Neukölln und war geschockt, dass über den Bezirk nach dem Rütli-Debakel so gemeckert wurde. Da war sie gerade am Düsseldorfer Schauspielhaus engagiert. Nach Berlin zurückkehren und Neukölln künstlerisch bearbeiten, war dann eins. Und dank Berliner Bürgerstiftung, Zwischennutzungsagentur, Quartiersmanagement und einem Haufen unerschrockener und unbezahlter Theatermacher ist jetzt in Rixdorf wieder Musike. Ein Liederabend gehört nämlich auch zu den Attraktionen im temporären Heimathafen.

„Es ist Dienstagmorgen 8 Uhr 15, der Neukölln-Trainer hat Sprechstunde“, tönt Profi-Neuköllner Harry auf der Bühne und pustet in seine Tröte. Drei Frauen und ein Mann bewerben sich um den heißesten Job im Rathaus Neukölln, und jeder bekommt ein paar Minuten Zeit, um Visionen vorzustellen, die das Image des Problembezirks aufbessern sollen.

Quick und witzig soll „Neuköllnisch by nature“ sein, das Stefanie Aehnelt seit Juni mit Neuköllner Laien entwickelt. Aber weil die Schauspieler Sätze sprechen, die aus 25 Interviews mit Menschen im Bezirk stammen, gähnen zwischen Lachern und Lokalpatriotismus immer wieder Abgründe: keine Arbeit, kein Mann, kein Glück.

Ulrike Schmidt, 36, studiert Biotechnik, jobbt im Baumarkt, spielt zum ersten Mal Theater und ist überzeugt, dass der „Heimathafen“ Wirkung in der Nachbarschaft hat. Dauernd schneien Leute rein, erzählt sie. Die fragen „Ey, wat macht’n ihr da?“, freuen sich und kommen dann zur Vorstellung. Ulrich Herlyn, 40, der im Stück als Sozialarbeiter Bernd eine „Neuköllner Leitkultur“ schaffen will, ist Ex-Waldorflehrer auf ABM-Stelle. Er hofft, dass der Heimathafen Neuköllns Entwicklung zum hippen Szenebezirk voranbringt, wie es der inzwischen zu „Kreuzkölln“ mutierte Reuterkiez vormacht. Und Christine Stalinski, die früher mal Fremdsprachensekretärin war und auf der Bühne Ramona heißt, wünscht sich per Theaterstück ein „mediterranes Neukölln“, wo alte Leute friedlich auf der Straße sitzen.

Was Neukölln für sie ausmacht, kann keiner mit einem Satz sagen. „Das ist es ja gerade“, meint Theatermacherin Stefanie Aehnelt, „den Klischee-Neuköllner im Klischee-Kiez gibt es nicht“. Ähnliche Lebensumstände ließen sich auch in anderen Bezirken finden. Warum sie trotzdem gerade hier Theater macht? „Ich mag Neukölln. Man kann hier einfach so sein.“

Ende November geht es mit der Zukunft des Bezirks eh steil nach oben. Da werden im Heimathafen die Ergebnisse des Schriftstellerwettbewerbs „Neukölln übermorgen“ präsentiert. Bei der Theatertruppe ist alles offen. Vielleicht geht sie nächstes Jahr wieder in Neukölln vor Anker, vielleicht gibt’s aber auch den „Heimathafen Wedding“. Die Idee, mit Theater direkt vor Ort das Wir-Gefühl im Kiez zu stärken, passt überall.

Die Voraufführung von „Neuköllnisch by nature“ findet am 17. Oktober, die Premiere am 19. statt. Karten ab fünf Euro, Tel. 36 42 07 09. „Alle fürchten sich“ gibt’s das nächste Mal am 26. Oktober. Das komplette Programm findet man im Internet unter www.heimathafen-neukoelln.de.

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