Prenzlauer Berg : In Leierlaune - Ein Kiezrundgang

Die Band In Extremo spielt Mittelalter-Rock – und das erfolgreich. Ihre Wurzeln hat sie in Prenzlauer Berg.

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Dem letzten Einhorn ist kalt am Kopf. Schon als es am Fanshop der Band in der Kuglerstraße losgeht, friert Michael Robert Rhein, der In-Extremo-Sänger mit dem mythischen Spitznamen, erbärmlich. Kurzerhand leiht sich Rhein aus dem Shop eine dicke schwarze Jacke mit In-Extremo-Schriftzug. „Siehst flott aus, Micha“, geben seine beiden Bandkollegen Kay Lutter und André Strugala alias Die Lutter und Dr. Pymonte ihr Okay und so kann es losgehen mit dem Spaziergang durch Prenzlauer Berg. Durch den Teil Berlins, in dem die drei Gründer und Mitglieder der Mittelalter-Rockband in den 80er und 90er Jahren gelebt, gespielt und viel gefeiert haben.

Und obwohl sie, wie sie nur ungern zugeben, die 40 längst überschritten haben, haben sie es am Vorabend wieder getan: Nämlich ausgiebig Party gemacht, in ihrem großen schallisolierten Probenraum am ehemaligen Knaack-Club. „Es passiert eben nicht jeden Tag, dass das eigene Album auf Platz eins landet“, sagt Dudelsackspieler und Harfenist Strugala und setzt gegen die Helligkeit des Frühjahrslichts seine pinkfarbene Sonnenbrille auf. Dabei ist die Band, die 1996 aus vorherigen teils gemeinsamen Projekten hervorgegangen ist, durchaus Erfolge gewohnt: Über eine Million Alben haben In Extremo verkauft, ihre Konzerte auf Mittelaltermärkten mussten sie – selbst unter Pseudonym – 2001 einstellen, weil der Andrang nicht mehr zu bewältigen war. Die neue Platte heißt „Sterneneisen“ und steht ganz weit oben in den deutschen Albumcharts.

„Hier in der Grundschule hatten wir mal unseren Probenraum“, erzählt Bassist Lutter, als man in die Scherenbergstraße einbiegt. Einmal haben In Extremo sogar mit dem Schulchor musiziert. Wenige Meter weiter liegt die Kiezkneipe Frau Mittenmang, wo die Band den Charterfolg des Vorgängeralbums „Sängerkrieg“ 2008 – natürlich ausgiebig – gefeiert hat. Mit dem Spaziergang geht es nur langsam voran, denn an jeder Ecke stoßen die Musiker auf Erinnerungen. In der legendären Eckkneipe „Anker“ an der Gethsemanekirche haben sie den Freudentaumel der ersten Nachwendetage erlebt, kurz darauf selbst in der roten Backsteinkirche gespielt und kennen auch das Finanzamt in der Pappelallee gut. Hier hat Rhein, als es losging mit dem Erfolg, etliche Stunden verbracht. Rasch zeigt er dem Gebäude den Mittelfinger, denn nun will er weiter Richtung Oderberger Straße, wo er Mitte der 90er Jahre gewohnt hat. Auf dem Weg dorthin erzählt Strugala, dass es ein Gefühl wie aus einem Jack-London-Roman war, als sie mal sechs kleine Goldbarren in der Sparkassen-Filiale an der Eberswalder Straße deponierten. Hier ganz in der Nähe ihrer einstigen nächtlichen Dauerdomizile „Franz Club“, „Nemo“ und „Bla Bla“ haben die heute in Buchholz, auf Rügen und in Köln und Kroatien wohnenden Musiker gelebt: Musikstudent Lutter für 25 DDR-Mark in der Lychener Straße, Strugala und Rhein unter anderem in der Choriner Straße. Die gemeinsame Badewanne war das Stadtbad Oderberger Straße.

Auf der Kastanienallee will sich Rhein, dem noch immer kalt ist, eine Mütze kaufen, trifft dabei auf den Rammstein- Schlagzeuger Christoph Schneider und unterhält sich kurz mit dem alten Bekannten. Als Rhein etwas später aus dem Hutgeschäft kommt, foppen ihn die anderen: „Das war ja ein Mädchenladen, Micha!” An der restaurierten Nummer 45 in der Oderberger Straße angekommen, ist die Haustür zu. Rhein fährt mit dem Finger über die Klingeln. „Hier ist der Micha, ich habe meinen Schlüssel vergessen“, flötet er und die Tür geht auf. Im zweiten Hinterhof dann ein kleiner Schock: Dort, wo früher nur ein altes Backsteingebäude, das gerade entkernt wird, am Rande einer Brache stand, wirft nun ein „Urban Village“ von der Schwedter Straße mit seinen Luxuslofts lange Schatten. „Nee, hier zu wohnen, das muss echt nicht sein“, sagt Rhein leise. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag voller nostalgischer Momente fällt selbst dem blonden Lebenskünstler kein flapsiger Spruch dazu ein.

Konzert am 22. April um 20 Uhr, C-Halle. Tickets 33 Euro.

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