Restauration : Am Anfang steht ein Scherbenhaufen

Ein Gemälde beschädigt, ein Glas zerbrochen: Restaurator Andrej Galuchin hilft weiter.

Heidemarie Mazuhn

BerlinDie Kundin ist glücklich. Ihr „Roter Kardinal“ breitet wieder seine Schwingen aus. Vor Jahren hatte es der gläserne Vogel in ihrem Gepäck heil von New York bis nach Berlin geschafft – erst beim Umzug von Tiergarten nach Charlottenburg war er zerbrochen. Doch dank Andrej Galuchin ist das Souvenir wie Phönix aus der Asche wiederauferstanden. „Phönix“, so hat der Diplom-Restaurator auch sein Restaurations-Center in Charlottenburg genannt.

Die Räume in der Pestalozzistraße hatte der gebürtige Petersburger 2004 übernommen. Der vorherige Besitzer war schon alt, hatte lange nach einem Nachfolger gesucht, dem er sein Geschäft überlassen konnte. Bevor er sich für Andrej Galuchin entschied, hatte er den jungen Mann aus St. Petersburg als Praktikanten sozusagen „auf Herz und Nieren“ geprüft. Für den Bewerber ein Glücksfall. Hatte Galuchin nach seinem Kunststudium in St. Petersburg überwiegend Gemälde restauriert, so lernte er bei dem alten Berliner Meister noch die Porzellanrestauration. „Die Vielfalt macht Spaß“, sagt der 38-jährige Inhaber, den die Liebe von der Newa an die Spree verschlug.

Bereits 1992 hatte Andrej Galuchin Berlin besucht und dabei seine Frau kennengelernt, die er 1995 heiratete. Die inzwischen fünfköpfige Familie wohnt in Mitte. Ob er Sehnsucht nach St. Petersburg habe? „Ich fühle mich hier wie dort wohl“, sagt der Restaurator in perfektem Deutsch.

In Charlottenburg kann sich Andrej Galuchin dabei fast wie in Russland fühlen, beschäftigt er doch ausschließlich Landsleute. „Alle aus der alten Sowjetunion“, erklärt er und spricht damit die klassische Ausbildung seiner Mitarbeiter an, die wie er selbst auch schon in der Eremitage in St. Petersburg arbeiteten.

Zu restaurieren gibt es auch in Berlin genug. Gemälde aller Art und Stilrichtungen hängen bei „Phönix“ an den Wänden. In Vitrinen warten „geheiltes“ Glas und Porzellan auf ihre Besitzer. Im Nebenraum gibt einer der Männer in weißen Kitteln gerade mit feinen Pinselstrichen einem Landschaftsgemälde aus dem 19. Jahrhundert seine ursprüngliche, in herbstlichen Farben leuchtende Schönheit zurück. An einem Tisch legt ein anderer Restaurator gerade letzte Hand an eine kleine Dose aus Meißener Porzellan, die etliche ihrer filigran gedrehten Röschen verloren hat. „Phönix“ machte das Schmuckstück ebenso wieder heil wie eine italienische Fayencevase, für deren Restauration es keine Vorlage gab, oder eine in 13 Teile „total zerdepperte“ Schale, wie Galuchin diese Restaurationsherausforderung berlinisch erklärt. Die nächste steht schon parat: eine Meißener Porzellanuhr aus dem 18. Jahrhundert. Eine ihrer zwei Putten hat an einem Füßchen zarteste Zehen, am anderen fast plumpe Würste. Da ist einem unbekannten Restaurator ordentlich was schiefgegangen. Nun sollen es die kunstfertigen „Phönix“-Finger wieder richten. So wie jüngst die Vase, die von Zar Nikolai stammen soll. Über ihren Londoner Besitzer äußert sich Andrej Galuchin so diskret wie über seine Kundschaft überhaupt – Antiquitätenhändler, Auktionshäuser und Museen, auch Adel bis hin zu einem Fürsten.

Abgewiesen wird bei „Phönix“ niemand – nur muss man die Mühe auch bezahlen können. Die Reparatur des „Roten Kardinals“ beispielsweise, der jetzt wieder seine Schwingen in den herbstgrauen Berliner Himmel breiten kann, war jedenfalls teurer als der ursprüngliche Kauf. Aber das war es der Besitzerin wert.

Restaurations-Center „Phönix“, Pestalozzistraße 98 in Charlottenburg, Telefon 312 5904

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