Schöneberger Gasometer : Die Schönheit des Stahls

Wieder und wieder hat Volker Wartmann den Schöneberger Gasometer fotografiert. 100 Aufnahmen stellt er nun in der Jansen Bar aus.

 Eva Kalwa
310477_0_8cb14fcf.jpg
Der Fotograf und seine Bilder. Zehn Jahre lang hat Wartmann von seinem Küchenfenster aus den Sonnenuntergang hinter dem Gasometer...Foto: Volker Wartmann

Es ist kalt und zugig an diesem Novembertag in 20 Meter Höhe. Doch Volker Wartmann steht ganz entspannt auf dem schmalen Gitterrost, der den zweiten Umlauf des Schöneberger Gasometers bildet. Auf der Suche nach neuen Motiven hält er seine Polaroidkamera in der Hand, mit der er schon zahlreiche Aufnahmen des fast 100 Jahre alten Industriedenkmals auf der Roten Insel gemacht hat. Als eine interessante Wolkenformation hinter einem Stahlmast entsteht, drückt Wartmann ab. 100 seiner Polaroidfotos stellt der 45-Jährige bis 6. Dezember in der Schöneberger „Jansen Bar” aus.

Eigentlich ist Wartmann Reisejournalist, das Projekt „Hundert x Gasometer“ seine erste künstlerische Arbeit. „Auf Pressereisen ist schnelles Arbeiten verlangt, nie kann ich mich dabei meiner Umgebung länger widmen“, sagt Wartmann. Zehn Jahre lang hat er von seinem Küchenfenster aus den Sonnenuntergang hinter dem Gasometer beobachten können, bis er im Sommer beginnt, ihn mit einer eigens dafür gekauften Polaroidkamera zu fotografieren. Ihn reizt die zugleich filigrane und kraftvolle Ästhetik des denkmalgeschützten Industriegebäudes mit seinen 24 Stahlmasten. Er fotografiert Spiegelungen des Gasometers in Regenpfützen oder den Außenspiegeln von Baggern sowie rostige Nieten und mit Patina überzogene Stahlwände. Oft steigt er auch die 465 Stahlstufen bis zum obersten Ring des 78 Meter hohen Runds hinauf und genießt von hier die Skyline Berlins und den Blick in die Tiefe. Eine Sondergenehmigung des Grundstückseigentümers, des Architekturbüros Remtec, macht Wartmann die Erkundung des Geländes möglich.

Die besonderen Eigenschaften der Sofortbildkamera tragen dazu bei, dass Wartmanns Fotos etwas Malerisches, oft Surreales anhaftet. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass der Fotograf nur Zustände ablichtet, die steten Veränderungen unterworfen sind. Sie sind nicht nur durch den verschiedenen Einfall des Lichts und die Wetterbedingungen zeitlich begrenzt, sondern auch, weil die Remtec hier das „Europäische Energieforum”, eine private Energie-Uni, errichten will. Daher verändert sich oft etwas am Gebäude, obwohl immer noch die Investoren fehlen.

Seit August steht im Innern ein großes Modell der Reichstagskuppel, in dem Veranstaltungen zum Thema Energie abgehalten werden sollen. Vor kurzem wurde die Fläche drumherum geflutet – ein Graben von zehn Zentimeter hohem, kupferfarbenem Wasser ist jetzt dort, wo Wartmann vor einiger Zeit noch Fotos von Schatten auf alten sandsteinfarbenen Steinplatten machen konnte.

Für den Fotografen waren die täglichen Ausflüge zum Gasometer auch eine Reise zu sich selbst, bei der er sich nicht nur erstmals länger auf einen Ort einlassen konnte, sondern auch lernen musste, loszulassen – den Traum vom perfekten Bild nämlich: Da er mit der Sofortbildkamera nicht zoomen kann, muss Wartmann sich mit den Dimensionen zufriedengeben, die er in seinem Sucher vorfindet. Und anders als bei der Digitalfotografie existiert nur das Original und das ist weder beliebig reproduzierbar noch nachträglich am Computer veränderbar. Diese Erfahrungen haben Wartmann so gefallen, dass er gerne weitere Kunstprojekte machen möchte. „Das kann mir keine Jeep-Safari in Marokko geben“, sagt er.

Mo-So ab 21 Uhr. Gotenstr. 71 in Schöneberg. Eintritt frei. www.jansenbar.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar