Spielen Lernen : Toben macht schlau

Im Spielen sind Kinder Naturtalente, aber ihre Eltern müssen es oft noch lernen. Ein Kurs hilft dabei.

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Was gibt’s da zu entdecken? In ihre Kurse bringt die Psychologin Tanja Neumann (rechts) viele spannende Gegenstände mit.
Was gibt’s da zu entdecken? In ihre Kurse bringt die Psychologin Tanja Neumann (rechts) viele spannende Gegenstände mit.Foto: Thilo Rückeis

Kaum ist das Nickerchen auf Mamas Schoss vorbei, schon geht der kleine Nikan auf Entdeckungstour. Er schnappt sich eine Metallschüssel, klopft munter drauflos und grinst begeistert, wenn es kracht. Er wuselt durch den Raum, tobt, tanzt, lacht, schreit, singt und spinnt. Denn Nikan hat eigentlich nur eins im Sinn: Spielen!

„Kinder haben einen natürlichen Spielinstinkt“, sagt die Psychologin Tanja Neumann. Dadurch würden sie nicht nur ihre Umwelt erkunden, sondern vor allem soziales Verhalten lernen. Der Austausch, den sie im gemeinsamen Spiel mit anderen erleben, schaffe Nähe und stärke emotionale Bindungen. Doch das klappt nicht immer. „Viele Eltern sind mit dieser Aufgabe völlig überfordert“, sagt Neumann.

Die 40-Jährige leitet das Projekt „Spielen lernen“ der Bürgerstiftung Berlin, das aus privaten Spenden finanziert wird. Es hilft Müttern und Vätern, den Alltag mit Säuglingen und Kleinkindern bis zu drei Jahren zu meistern. In Anlehnung an das Prager Eltern- Kind-Programm (PEKiP®) leitet Neumann in den wöchentlichen Kursen Familien behutsam dazu an, sich spielerisch mit ihren Babys zu befassen und bei der Erziehung wieder auf ihr Bauchgefühl zu vertrauen. Das Projekt wurde 2010 mit dem Fertility Center Berlin konzipiert. „Engagierte Ärzte wandten sich an uns mit der Idee, ein Projekt zur frühkindlichen Förderung anzukurbeln“, erzählt Isabelle von Stechow aus dem Vorstand der Bürgerstiftung.

Bildung fängt mit den ersten Lebenstagen an, das belegen heute zahlreiche Studien. Gerade in Deutschland, wo die Zukunft der Kinder stark von der sozialen Herkunft ihrer Eltern abhängt, spielt frühkindliche Förderung eine wesentliche Rolle. „Das gilt besonders für den Spracherwerb“, sagt von Stechow. Ohne Sprache sei keine Integration möglich. Insofern leistet das Projekt mit seinem präventiven Ansatz einen wichtigen Beitrag zu mehr Chancengleichheit.

Augen können auch sprechen

Das Angebot richtet sich in erster Linie an Familien in sozial schwierigen Lagen: Asylbewerber, Mütter aus dem Betreuten Wohnen, Süchtige oder Eltern mit Migrationshintergrund. Aber auch Familien, die die Erziehungsarbeit gut hinbekommen, werden eingebunden. „Wir mischen die Gruppen gezielt, damit sie sich untereinander unterstützen und voneinander lernen“, sagt Neumann. In letzter Zeit ist auch die Förderung von Teenie-Müttern stärker in den Fokus gerückt.

Dabei sind nur die wenigsten Teilnehmer einsprachig. „Manche verstehen gar kein Deutsch, wenn sie das erste Mal zu uns kommen“, sagt Neumann. Wie die 35-jährige Cristina aus Rumänien. Sie zog vor zwei Jahren, kurz vor der Geburt ihres Sohnes, zu ihrem Freund nach Berlin. Mark war sechs Monate alt, als sie in den Kurs kamen. „Mein Schwiegervater hat uns begleitet und alles übersetzt“, erzählt sie. Im Projekt wächst sie gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn in die fremde Sprache hinein. Sie lernen Lieder, singen, machen Ausflüge in den Zoo und ins Aquarium oder kochen gemeinsam. „Mark kann sich hier gut auf die Kita vorbereiten“, sagt Cristina. Auch ihr tut es gut, sich mit anderen Frauen zu unterhalten. Mittlerweile macht sie ein Deutschkurs an einer Volkshochschule und steht kurz vor dem Abschluss der B1-Stufe. „Danach will ich unbedingt weitermachen“, sagt die junge Frau. Auch der Opa springt weiterhin gerne ein, wenn Mama die Schulbank drückt.

Und wie kommt Tanja Neumann mit der Sprachbarriere klar? „Augen können auch sprechen“, sagt die 40-Jährige. Manchmal reiche eben ein hilfloser Blick, um zu wissen, was in einer Mutter vorgeht. Nach 20 Jahren im Geschäft – Jugendarbeit, Familienhilfe, Kinderbetreuung – kann Neumann diese feinen Unterschiede deuten. „Es erfordert auch viel Toleranz und Offenheit.“ Im Grunde hätten Eltern aber immer die gleichen Sorgen, egal woher sie kommen. „Schließlich sind wir alle zunächst Mutter und Vater. Erst dann Türken, Palästinenser oder Deutsche“, fügt von Stechow hinzu.

Immer am Ball bleiben

Seit dem Startschuss vor vier Jahren hat sich „Spielen lernen“ zum Vorzeigeprojekt entwickelt. Dennoch ist es kein Selbstläufer. „Kostenlose Angebote im Sozialbereich werden kaum regelmäßig besucht“, sagt Neumann. Ohne die enge Zusammenarbeit mit dem „Haus des Säuglings“, hätte es auch bei diesem Projekt nicht so gut geklappt. Die Einrichtung im Gesundheitsamt Charlottenburg stellt nicht nur Räume und Ausstattung zur Verfügung. „Durch die Hausbesuche nach der Geburt haben unsere Sozialberaterinnen einen direkten Draht zu den Frauen, die von der Entbindungsstation entlassen werden und Hilfe benötigen“, sagt Waltraud Klemm, Leiterin des Sozialdienstes und Kinderschutzkoordinatorin im Gesundheitsamt.

Oft ließe sich allein anhand der Geburtsmitteilung ablesen, ob eine Familie Unterstützung braucht, etwa bei Mehrfachschwangerschaften oder besonders jungen Müttern. So bleibt man immer am Ball. „Wir telefonieren hinterher, schicken Integrationslotsen in die Familien oder holen sie ab, wenn sie den Weg nicht kennen“, sagt Klemm.

Da steckt viel Herzblut drin. Und das spüren auch die Familien. „Für sie ist es inzwischen ein Stück Zuhause geworden“, sagt von Stechow. Als die ersten Kurse zu Ende waren, wurde deshalb die Idee geboren, einen Elterncafé zu veranstalten. Ein „Mini-Satellit“ des Projekts, bei dem sich seit einem Jahr auch die Ehemaligen einmal im Monat im Haus des Säuglings treffen und sich weiterhin gegenseitig stützen.

Wechselseitige Hilfe leisten, das ist die Grundidee des Projekts. Und offenbar auch sein Erfolgsgeheimnis. Nun will die Bürgerstiftung diesen Gedanken auch in andere Berliner Bezirke hinaustragen. Isabelle von Stechow ist zuversichtlich: „Eine Erfolgsgeschichte wie diese hört nicht auf.“

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