Stadtautobahn : Wenn Grüne rot sehen

Gemeinsam mit Anwohnern will die Partei den Weiterbau der Stadtautobahn verhindern. Der Senat plant eine Verlängerung von 3,2 Kilometern - dafür müssen allerdings rund 300 Kleingärten, acht Gewerbebetriebe und vier Häuser mit 200 Wohnungen weichen.

Stefan Jacobs

Erika Gutwirt möchte jetzt mal eines klarstellen: „Aus meiner Wohnung müssen sie mich mit dem Sarg rausschaffen! Es reicht ja wohl, wenn ich meinen Kleingarten verliere.“ Frau Gutwirt wohnt seit 63 Jahren in der Beermannstraße am Treptower Park und ist Teil der Menschentraube, die sich um Franziska Eichstädt-Bohlig gebildet hat. Die Fraktionschefin der Grünen hat am Mittwochmorgen hierher geladen, wo nach dem Willen des Senats in spätestens acht Jahren ein Ast der Stadtautobahn enden soll – ein 3,2 Kilometer langes Straßenstück, das nach Berechnung der Grünen mehr als 130 000 Euro pro laufenden Meter kosten und rund 300 Kleingärten, acht Gewerbebetriebe sowie vier Häuser mit 200 Wohnungen tilgen würde.

Während sich der Senat davon eine Entlastung vieler Stadtstraßen verspricht, fürchten Kritiker ein Nadelöhr, das die Wohngebiete vom Wrangelkiez über Alt-Treptow bis nach Friedrichshain verlärmt und Dauerstau verursacht, weil die Straßen rund um das künftige Autobahnende den zusätzlichen Verkehr nicht bewältigen.

Deshalb brauchen die Grünen Leute wie Erika Gutwirt und die anderen Bewohner, die sich spontan in der Beermannstraße versammelt haben und gegen das Projekt kämpfen, sobald – voraussichtlich zum Jahresende – die Planungsunterlagen veröffentlicht werden. 25 000 Euro, schätzen Beteiligte, wird eine Klage gegen das Vorhaben kosten.

Für die Detailplanung wartet der Senat noch auf die in Arbeit befindliche „Verkehrsprognose 2025“. Dass es für viele Anwohner ungemütlich wird, geht aus einem Schreiben der Verkehrsverwaltung hervor: Dort ist von „Wohngebäuden mit bis zu 17 Stockwerken und zahlreichen Balkonen“ in 90 bis 160 Meter Entfernung von der Trasse die Rede, die durch eine vier Meter hohe Schallschutzwand geschützt werden sollen. Ob auch das Hotel Estrel Anspruch auf Schallschutzfenster haben wird, sei noch offen.

Eichstädt-Bohlig nennt das Projekt einen „Rückfall in die Verkehrs- und Stadtpolitik der 70er Jahre“ und ist sich „ziemlich sicher, dass man das mit dem Bund wegverhandeln könnte“. Der Bund übernimmt den größten Teil der Kosten. Die Umverteilung des Geldes, etwa für einen Tunnel der Dresdner Bahn durch Lichtenrade oder für die seit langem geplante S-Bahnlinie 21 vom Gesundbrunnen zum Potsdamer Platz, wäre schwierig, aber machbar, glaubt Eichstädt-Bohlig.

Das Nein zur neuen Autobahn „würden wir zu einer Grundfrage der Koalitionsvereinbarung machen“, sagt sie. Aber gewählt wird erst in drei Jahren. Bis dahin müssen die Grünen auf ihre Überzeugungskraft hoffen. Und auf Leute wie Erika Gutwirt. Stefan Jacobs

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