Tourismus : Invasion aus Itzehoe

Die Berliner sind weg, die Touristen haben die Stadt übernommen. In Gruppen oder allein. Eine Typologie.

Anna Sauerbrey
Touristen
Vor allem an den zentralen Orten der Stadt sind die Touristen derzeit oft in der Mehrheit. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es kommt einem vor, als hätten die Fremden die Kontrolle übernommen. Zwar gelten Mai und September als die beliebtesten Touristenmonate. Aber während der Sommerferien scheint sich an manchen Ecken das Verhältnis zwischen Berlinern und Besuchern umgekehrt zu haben. Doch wer sind die Invasoren?

PÄDAGOGISCH: DIE FAMILIE

Weil gerade Sommerferien sind, dominiert der Typus Familie. Berlin ist der kleinste gemeinsame Nenner. Cool genug für die jüngeren, instruktiv genug für die älteren Mitglieder. Was die jüngeren nicht ahnten: Familienväter und -mütter kommen mit Bildungsauftrag, sie sind vorbereitet. Nicht nur einen, sondern gleich mehrere Reiseführer hat etwa ein Familienvater aus Trier zur Vorbereitung gewälzt. Familien findet man tagsüber daher vor allem an Orten, an denen der Nachwuchs etwas lernen kann (es war einmal ein Staat namens DDR) und an denen die Väter erzählen können, wie es hier 1972 aussah (Panzersperren am Potsdamer Platz). Man erkennt die Familie an ihrer gemischten Altersstruktur, der gepflegten Freizeit- oder Outdoor-Kleidung und dem offensiven Regenschutz bei jeder Witterung. Als Andenken nehmen sie mit: Handschellen vom Pelzmützenverkäufer am Checkpoint Charlie für den kleinen Florian.

NACHTAKTIV: DER PARTYNOMADE

Die Partynomaden bleiben gerade so viele Nächte in der Stadt wie man als junger Mensch feiern kann, ohne dauerhaft gesundheitlich Schaden zu nehmen. Da sie ohnehin nicht vorhaben, viel zu schlafen, reicht diesem Typus das Hostel. Tagsüber trifft man die Partynomaden beim „Crash-Sightseeing“ an emblematischen Orten wie dem Brandenburger Tor, um Fotos zu schießen, die belegen, dass man tatsächlich in Berlin war – Clubs sehen ja überall gleich aus. Vier Mädels aus der Schweiz haben sich, damit es noch schneller geht, Fahrräder ausgeliehen. Nachts trifft man sie in der Kulturbrauerei oder auf der Bergmannstraße. Erkennen tut man die Partytouristen an ihren möglichst berlinesquen Outfits. Die Schweizerinnen haben sich mit Leggins, langen Shirts und breiten Gürteln eingekleidet. Sie fotografieren mit winzigen Digitalkameras, wohl weil die auch ins Ausgeh-Täschchen passen. Als Andenken nehmen sie mit: T-Shirts von Berliner Designern.

IN DER HERDE: DER GRUPPENREISENDE

Die Gruppenreisenden sind eine gestresste Spezies. Der Leiter einer osteuropäischen Großgruppe gibt seiner Herde ganze zehn Minuten, um auf der Wiese zwischen Reichstag und Kanzleramt hin und her zu fotografieren. Dann werden die Touristen zurück in den Bus gescheucht. Gut gelaunt scheint dem Führer keiner zu folgen. Doch vielen Menschen scheinen die Reisegruppen immer noch lieber zu sein, als allein zu reisen. Die Outfits variieren je nach Nationalität. Spanier tendieren zu schrillen Sonnenbrillen, Deutsche zu Hütchen und Westen mit vielen praktischen Taschen. Weil sie so viele sind und so wenig Zeit haben, findet man diesen Typus vor allem dort, wo Platz ist und man allerlei in kurzer Zeit sieht. Sie sind das große Geschäft der Spreeschiffer. Verköstigt werden sie zum Beispiel im Braustüberl Ecke Markgrafenstraße/Leipzigerstraße. Da ist es weder schön noch authentisch, aber groß und die Kalbsfleischbulette kostet nur 6,50 Euro. Als Andenken nehmen sie mit: was für die Enkel.

UNAUFFÄLLIG: DER KULTURBEFLISSENE

Die internationalen Intellektuellen lassen sich auch mit Gerüsten und Bauzäunen nicht von der Museumsinsel fernhalten. Dieser Typus ist der gepflegteste unter den Berlin-Touristen. Viele Jacketts und Hemden sichtet man vor dem Pergamonmuseum. Das liegt auch daran, dass sich der Kulturtourist einfühlt. Dass er dem Berliner zur Last fallen könnte, schon optisch, ist ihm unangenehm. Dafür, dass eine Frau auf dem Fahrrad raunzt, sie wisse den Weg auch nicht, sie sei müde und wolle nach Hause, hat ein älteres Ehepaar aus Israel vollstes Verständnis – die vielen Touristen seien ja auch schrecklich für die Berliner.

Diese Spezies ist wegen ihres zurückhaltenden Auftretens oft schwer zu erkennen. Nur im Museum macht sich der Untertypus pensionierter Studienrat unbeliebt, indem er an jedes Bild ganz nah herantritt, um es über den Rand seiner Brille zu betrachten – auch, wenn es, wie bei Herlinde Koelbl – gar keine Pinselführung zu bewundern gibt. Als Andenken nimmt dieser Typ mit: eine große Tüte mit Sachbüchern über die Antike aus dem Museumsshop.

GESTRESST: DER RUCKSACKTOURIST

Der Rucksacktourist ist fast so gestresst wie der Gruppenreisende. Nur dass er sich den Stress selbst macht. Europa in vier bis sechs Wochen, da muss man sich ranhalten. Deshalb besichtigt er, so scheint es, die Stadt auf dem Weg vom Bahnhof zum Hostel und vom Hostel zum Bahnhof. Dabei ist er unschwer zu erkennen: An seinem großen Rucksack baumelt ein halber Haushalt und die Gitarre gehört auch vier Jahrzehnte nach ’68 noch zur Grundausstattung.

Den Rucksacktouristen trifft man dort, wo Berlin aus seiner Sicht noch authentisch ist, also ein bisschen Nachwende-schrottig, zum Beispiel rund um Kastanienallee oder Oranienstraße. Die Bibel des Rucksacktourismus ist nach wie vor der Lonely Planet. Sein Essen bezieht er vornehmlich in solchen Lokalitäten, die in diesem Reiseführer unter „budget“ rangieren, denn er ist jung und hat kaum Geld. Als Andenken nimmt er mit: Sticker, wie sie ein langhaariger Mensch vor dem Tacheles verkauft. Darauf steht: Was kann ich für eure Welt.

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