Ufa-Fabrik : Solidarisch und rücklagenfrei

Die Ufa-Fabrik wird 30. Das Kultur- und Ökoprojekt ist zur Lebensaufgabe für seine Gründer geworden.

Thomas Loy
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Sigrid Niemer, Manfred Spaniol und Rudolf Brünger gehören zu den Gründern der Ufa-Fabrik. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Don Quijote reckt seine Lanze, ist aber machtlos gegen den Rost, der an seiner Rüstung nagt. Er steht auf dem begrünten Dach der Ufa-Fabrik in Tempelhof, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Die Fenster in der Viktoriastraße müssten gestrichen werden, auf der Treppe zum Theatersaal bersten die Fliesen.

So ist das halt, im 30. Jahr eines selbstverwalteten, solidarisch verfassten, von der UN ausgezeichneten Kultur- und Ökologieprojekts mit angeschlossener Biobäckerei, Kinderbauernhof und Nachbarschaftszentrum, aber ohne Wachstums- und Profitstrategie. Und infolgedessen ohne finanzielle Rücklagen für die nötige Sanierung. „Zukunftsfähig“ wollen sie sein, aber „kleinteilig“ bleiben, sagt die Werbestrategin Sigrid Niemer.

So haben sie denn den Boom der Bio- und Solarbranche in den 90er Jahren an sich vorbeiziehen lassen. Hatten sie ja alles schon viel früher entdeckt, als Handwerkerkollektivisten mit Schwerpunkt ökologische Sanierung und gesundes Essen. In den 70er Jahren hieß das Sonnenenergie und Food-Coop. Damals galten sie als „grüne Spinner“ und waren stolz auf dieses Prädikat. Sigrid Niemer kam aus Schleswig-Holstein, Rudolf Brünger aus Hamburg und Manfred Spaniol aus Trier. Die drei Gründungsveteranen der Ufa-Fabrik wollten nach Berlin, um zu studieren oder sich auszuprobieren. Hier schien alles möglich. „Es gab ja Arbeit in Hülle und Fülle“, sagt Sigrid, „niemand hatte Angst, dass er keinen Job finden würde.“ Also suchten sie erst gar nicht.

Viel wichtiger war, einen Platz zu finden, um ihr Ideal von selbstbestimmtem Leben und Arbeiten zu verwirklichen. 1979 im Juni besuchte Rudolf das offengelassene Gelände des Ufa-Kopierwerkes Tempelhof. Er hatte gehört, hier würden Bands regelmäßig proben. Dann rief er die anderen, rund 100 Leute, und man schritt zur friedlichen Inbesitznahme. Im ersten Winter auf dem Ufa-Gelände mussten sie noch Euro-Paletten zersägen, um heizen zu können. Alle lebten zusammen, kochten in der gemeinsamen Küche, teilten sich ein Telefon, schliefen zu viert in großen Zimmern und überlegten sich Projekte für den Frühling.

So ähnlich ging das zehn Jahr lang, erzählt Sigrid. Anfang der 90er Jahre kam die große Reform. Wohnungen wurden ausgebaut, die gemeinsame Kasse abgeschafft, Einzelbetriebe gegründet, damit vor dem Finanzamt alles säuberlich getrennt ist. Der Unterschied zwischen der Ufa-Insel und der Welt drumherum ist heute nicht mehr so groß wie damals. Es gebe viele unterschiedliche Verdienste und Verträge, sagt Sigrid, aber die Schere gehe nicht sehr weit auseinander.

Inzwischen ziehen die Kinder der Besetzergeneration aus. Wegen Studium, Auslandsjahr oder einfach, um Abstand zu den Eltern zu gewinnen. Nicht, um zu rebellieren, sagt Manfred, Musiker und Vater. Rebellion wozu? Oder wogegen? Irgendwann im Gespräch wirft Sigrid den denkwürdigen Satz ein: „Es bringt ja nichts, alles verändern zu wollen. Ist ja viel einfacher, sich selbst zu ändern.“

Und das haben sie oft genug bewiesen. Manfred hat es mal mit Töpfern versucht, halb beim Renovieren und wurde schließlich als musikalischer Autodidakt Chefmusiker bei Terra Brasilis, der Ufa-eigenen Percussiongruppe. Sigrid studierte Kunst und Pädagogik, lernte im Druckereikollektiv, wie man Plakate entwirft, später übte sie Stepptanz, trat im Ufa-Zirkus auf und macht jetzt die komplette Pressearbeit. Rudolf hat sich früh vom Handwerkern emanzipiert und Management gemacht. Einige Jahre betrieb er das Ufa-Arthouse-Kino (wurde ein Opfer der Multiplex-Konkurrenz) und verantwortet heute die Ufa-Kulturprojekte.

Alle haben sich irgendwie eingerichtet, sind ruhiger geworden, aber nicht saturiert. Der Ufa-Spirit ist noch da, das Gefühl, zu einer besonderen Gemeinschaft zu gehören. Auch wenn der Konkurrenzdruck einer großen Berliner Kulturszene zur Professionalisierung genötigt hat. Die einstigen Kollektivisten firmieren jetzt als „Geschäftsführer“ oder „Vorstand und Leitung Kommunikation“. Rudolf trägt die Kluft eines Kulturmanagers – schwarzes Hemd, Jackett – die Haare wallen ergraut gen Schulter. Nur das „Du“ haben sie noch nicht abgelegt.

Für die Veteranen ist die Ufa-Fabrik längst ein Lebensprojekt geworden. 200 Menschen arbeiten hier, rund 30 wohnen auf dem Gelände. Viele Künstler wurden hier entdeckt. Manfred zeigt Fotos von Asien-Reisen mit Terra Brasilis. Schon 1988 sei er mit der Sambatruppe auf dem Roten Platz in Moskau aufgetreten, „noch vor den Scorpions“, Rudolf witzelt über die vielen „Ü-50-Partys“, die so anstehen. Alle drei sind jetzt 55. Manfred überlegt schon, irgendwann aufs Land zu ziehen, aber dazu liegt noch kein beschlussreifes Konzept vor. Irgendwie noch kein Thema, finden Rudolf und Sigrid. Es gab mal ein Projekt „Alterskommune“, doch der mit 93 Jahren verstorbene Walter blieb der einzige Kommunarde. Mit ihm gab es am Ende viel Streit, erzählen die Ü-55er. Irgendwie bietet die Ufa-Fabrik kein altersgerechtes Umfeld, zu viel Gäste-Trubel und junges Theatervolk, das nach den Auftritten noch zusammensitzt.

So soll es auch bleiben. Jeder Anschein, man erlaube sich, altersbedingt kürzer zu treten, schadet dem quirlig-kreativen Image der Ufa-Fabrikanten.

In der Tempelhofer Viktoriastraße 10-18 gibt es eine Festwoche vom 7. bis 13. Juni mit dem Familientag über die - ausverkaufte - Geburtstagsgala bis zur Freiluft-Comedy. Internet: www.ufafabrik.de

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