Volksbühne : Prometheus spielt im Sand

Antikes hinter der Bretterwand: Die Volksbühne wird vorübergehend zum Amphitheater. Bei abendlichem Schauer liegen Regencapes bereit, und eine Ausweichmöglichkeit ins Trockene besteht auch.

Eva Kalwa
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Amphitheater auf Zeit. Die neue Spielstätte der Volksbühne. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Im Sand steckt eine rote Schaufel, auf den stufenweise ansteigenden, halbrunden Sitzreihen steht ein mit Farbe bespritzter Eimer. Sind es Arbeitsgeräte der emsigen Bauarbeiter oder Requisiten für die erste Inszenierung auf der „Agora“, der neuen Ausweichspielstätte der Volksbühne auf dem Rosa-Luxemburg-Platz?

Ein Geheimnis ist bald gelüftet: Eigentlich dient die rote Schaufel der Brandbekämpfung im Theatergebäude, das zurzeit geschlossen ist und bis Mitte Oktober saniert wird. Doch Sascha Gierth, Bauprojektleiter der Agora, hat das Gerät kurzerhand zweckentfremdet und damit jede Menge Sand geplättet: „54 Tonnen haben wir vor dem Portal der Volksbühne aufgeschüttet, um die temporäre Spielfläche zu vergrößern“, erzählt er. Die Schauspieler werden so zum Greifen nah vor den maximal 400 Zuschauern stehen, die in dem Freilufttheater nach antikem Vorbild Platz finden. Sechs Wochen lang werden hier antike Dramen und Stoffe gespielt und für die Gegenwart gedeutet, den Anfang macht am Mittwochabend Dimiter Gotscheffs Inszenierung des „Prometheus“ von Aischylos.

Jeden Sonnabend ab 22 Uhr wird bei griechischem Wein und Lamm vom Grill auch ein „Griechenmovie“ gezeigt, der erste dem antiken Motivkreis gewidmete Film ist Jürgen Kuttners Odyssee-Videoschnipselvortrag „Von Troja nach Ithaka“. „Das Besondere an dieser Open-Air-Reihe ist, dass die Zuschauer aus Lärmschutzgründen den Ton über Kopfhörer empfangen“, sagt Sabrina Zwach, Sprecherin der Volksbühne. Während ihrer Worte tritt ein Passant heran: Bernd Schütze ist Anwohner und vom „Agora“-Projekt nicht erbaut. Er spricht von „Narrenfreiheit“ und beschwert sich über die Lautstärke bei den Proben, mit vier Nachbarn will er Beschwerde beim Umweltamt einlegen. Projektleiter Gierth versteht den Unmut nicht und verweist auf die hohe Bretterwand: „Die Dezibel-Auflagen halten wir genau ein.“

Für ein anderes mögliches Problem ist vorgesorgt: Bei abendlichem Schauer liegen Regencapes bereit, und eine Ausweichmöglichkeit ins Trockene besteht auch: Links neben dem „Amfiteatr“, wie Chefbühnenbildner Bert Neumann das Theater auf Polnisch nennt, steht ein mit Zeltplane überzogener Kubus. Hier soll das Herz der Agora besonders bürgernah schlagen: In dem Quader werden Studierende und junge Theaterschaffende Vorträge, Performances und Workshops veranstalten, bei denen jeder Interessierte Theaterluft schnuppern kann.

Während die Bauarbeiter im Kubus noch letzte Schweißarbeiten erledigen, fangen im „Amfiteatr“ gleich die Proben für den „Prometheus“ an. Und nun erklärt sich auch, was es mit dem großen, bunten Eimer auf sich hat. Ein grauhaariger Mann sitzt im Zuschauerraum und liest konzentriert in einigen Papieren, ab und an streift er seine Zigarette über dem Metallbehälter ab: Es ist Regisseur Dimiter Gotscheff mit seinem ganz persönlichen Proben-Aschenbecher.

Infos und Tickets unter www.volksbuehne-berlin.de oder Tel. 2406 5777

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