Stadtleben : Vorhang auf für den Protest

Künstler der Ku’damm-Bühnen lassen nicht locker: Sie demonstrieren auf der Straße gegen die Umbaupläne

Cay Dobberke
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Zum Stillhalten verdammt. Martin Woelffer, Intendant der Ku’damm-Bühnen, hat sich mit dem Investor notgedrungen arrangiert. Beim...

Diesmal sollte die Musik nicht in den Ku’damm-Bühnen, sondern davor spielen: Zahlreiche Künstler, Prominente und Politiker traten am Freitag vor dem Theater und der Komödie am Kurfürstendamm auf, um gegen den Abriss zu protestieren. Eingeladen zur Demo mit Gesang, Tanz und Reden hatte der Chef des Berliner Theaterclubs und Gründer des Vereins „Rettet die Ku’damm-Bühnen“, Otfried Laur. Fast fünf Stunden lang sollte die Kundgebung ab dem späten Nachmittag dauern.

Für Solidaritätsauftritte auf der Straßenbühne hatten unter anderem Andrej Hermlin und sein Swing Dance Orchestra, das Salon-Orchester Berlin, das Leipziger Kabarett Die Pfeffermühle, die Kabarettistin Gabi Decker, der Autor Horst Pillau, die Sänger Bert Beel und Angelika Mann sowie die Schauspieler Edith Hancke, Walter Plathe, Klaus Sonnenschein, Franziska Troegner und Herbert Köfer zugesagt. Für den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, wo alle Parteien seit Jahren die Erhaltung der historischen Theater fordern, wollte SPD-Bürgermeisterin Monika Thiemen sprechen. Zu den Rednern gehörte auch die Berliner Grünen-Fraktionschefin Franziska Eichstädt- Bohlig.

Nur Intendant Martin Woelffer und sein Vater Jürgen Wölffer hatten vorab signalisiert, sie könnten und wollten sich nicht beteiligen. Denn sie hatten sich – wenn auch schweren Herzens – Ende 2008 mit dem irischen Investor Ballymore auf den Abriss der zwei alten Säle mit zusammen 1400 Plätzen geeinigt. Als Ersatz soll ein knapp halb so großes neues Theater mit „historischem Dekor“ entstehen. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, begründete Martin Woelffer die Vereinbarung mit dem Investor. Denn einen gültigen Mietvertrag besaßen die zwei Boulevardtheater im Ku’damm-Karree monatelang nicht mehr, nachdem die vorherigen Eigentümer ihn gekündigt hatten. Erst jetzt gibt es die Aussicht auf einen Vertrag mit 20-jähriger Laufzeit – wenn auch nur in dem geplanten Neubau.

Dass der „zum Herzstück“ eines modernisierten Ku’damm-Karrees wird, wie der Investor verspricht, glauben Otfried Laur und seine Mitstreiter nicht. „Der Investor ahnt nicht, was er kaputt macht“, sagt Schaupielerin Brigitte Grothum, die oft in den Ku’damm-Bühnen auftritt und dem Rettungsverein angehört. Ohne den Charme der Altbauten werde das Publikumsinteresse sinken, glaubt sie. Die Grünen-Politikerin Eichstädt-Bohlig kritisiert, dass der Senat in den neunziger Jahren die Nutzungsbindung der Bühnenräume für mehrere Millionen Euro an den damaligen Vermieter verkauft hat.

Unter Denkmalschutz stehen die Säle trotz ihrer Tradition nicht. Das 1920 bis 1921 erbaute Theater am Kurfürstendamm hatte Theaterarchitekt Oskar Kaufmann gestaltet. Es wurde von verschiedenen Direktoren geführt, darunter ab 1928 Max Reinhardt. Bereits 1924 hatte der sich von Kaufmann die benachbarte Komödie bauen lassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bühne von Hans Wölffer übernommen und später 40 Jahre lang von seinem Sohn Jürgen geführt; seit 2004 leitet Martin Woelffer den Familienbetrieb.

Das Landesdenkmalamt hat Foderungen nach einen Schutz der alten Säle stets abgelehnt. Wegen starker Kriegszerstörungen seien nur noch Teile der Einrichtung originalgetreu, hieß es zur Begründung. Reuig zeigte sich der Stadtplaner Dietrich Worbs, der sich in den Neunzigern im Denkmalamt mit dem Thema befasst hatte. Damals sei er durch viele Prüfaufträge nach der deutschen Einheit überlastet gewesen. Inzwischen hat der Ruheständler ein Buch über die Ku’damm-Bühnen geschrieben und misst ihnen eine hohe Bedeutung für die Berliner Theatergeschichte und -architektur zu.

Offen ist, wann die von dem irischen Investor geplante Umgestaltung des Ku’damm-Karrees beginnen kann. Das Bezirksamt fordert die Erhaltung mindestens eines der alten Säle und droht damit, nötige „Befreiungen vom geltenden Planungsrecht“ zu verweigern. Ballymore rechnet laut einem Sprecher trotzdem für 2010 mit dem Baubeginn. Zum Projekt gehören Geschäfte und Wohnungen. Zwei bis drei Jahre sollen die Arbeiten dauern. Wo der Theaterbetrieb währenddessen weitergeht, ist unklar. Auch mit Unterstützung der Senatskulturverwaltung wurde keine Ersatzspielstätte gefunden.

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